Neuss: Kühner Umgang mit der Farbe

Neuss : Kühner Umgang mit der Farbe

Ein internationales Ausstellungsprojekt mit Werken von Gustave Moreau und seinen Schülern – unter anderem Henri Matisse – krönt die Aktivitäten rund um das 100-Jahr-Jubiläum des Clemens-Sels-Museum. Die Schau ist nicht nur eine Augenweide, sondern bringt auch neue Erkenntnisse.

Ein internationales Ausstellungsprojekt mit Werken von Gustave Moreau und seinen Schülern — unter anderem Henri Matisse — krönt die Aktivitäten rund um das 100-Jahr-Jubiläum des Clemens-Sels-Museum. Die Schau ist nicht nur eine Augenweide, sondern bringt auch neue Erkenntnisse.

Die Zufriedenheit steht den beiden Kuratorinnen ins Gesicht geschrieben. Die Ausstellung "Sehnsucht nach Farbe — Moreau, Matisse & Co." im Clemens-Sels-Museum sollte schließlich das Glanzstück des Jubiläumsjahrs zum 100-jährigen Bestehen werden. Große Museen waren um hochkarätige Werke, Sponsoren um finanzielle Unterstützung gebeten worden — der permanenten Diskussion um den Sanierungszustand des Hauses zum Trotz.

Und tatsächlich: Ob das Centre Pompidou, das Musée d'Orsay in Paris, das von-der-Heydt-Museum in Wuppertal, das Jüdische Museum in Frankfurt oder private Sammler — die Leihgeber zeigten sich großzügig, ebenso wie die Kunststiftung NRW, die Jubiläumsstiftung der Sparkasse Neuss und das NRW-Kulturminsterium, die Ausstellung und Katalog mitfinanzierten. Kein Wunder also, dass Museumschefin Uta Husmeier-Schirlitz und ihre Mitarbeiterin und -kuratorin Bettina Zeman beglückt durch die Ausstellung führen und mit ihrer Begeisterung die Zuhörer anstecken.

Keine Schule gründen

Rund 80 Werke werden gezeigt. Unter Aspekten, die ein neues Licht auf die Bedeutung des Malers Gustave Moreau werfen, von dem das Sels-Museum als einziges deutsches Haus gleich vier große Werke besitzt. Über seine Schüler an der Ècole des Beaux-Arts in Paris hatte der als "Vater der Symbolisten" bezeichnete Künstler (1826—1898) einen entscheidenden Einfluss auf die Maler der Künstlergruppe "Fauves", die die Farbe um ihrer selbst willen zur Komposition ihrer Bilder einsetzten.

Denn genau das zeichnet auch die Arbeit Moreaus aus, was in der Ausstellung gleich im ersten Raum eindrucksvoll mit Vorstudien und fertigen Bildern wie "Der Abend" von 1887 belegt wird: Moreau ist geradezu kühn an die Farbe herangegangen, hat mit ihrer Hilfe die Linien, die Komposition bestimmt. Als Maler liebte er historische und mythologische Motive, zwang seine Schüler einerseits zu Besuchen im damals ungeliebten Louvre für Studien über antike Statuen und ließ ihnen andererseits doch die Freiheit, eigene Motive zu finden.

"Moreaus Arbeitsweise war revolutionär", sagt Uta Husmeier-Schirlitz, "er wollte keine Schule gründen, sondern hat seine Schüler individuell gefördert und ihnen sein Ideal von der Kraft der Farbe vermittelt." Moreau überließ ihnen die damals unübliche Freiheit, auch gleich zum Pinsel zu greifen statt erst nur zum Stift. Die Ausstellung zeigt, dass er damit seinen bedeutendsten Schülern zu eigenem Ausdruck verholfen hat.

Die Schau unterscheidet dabei sehr sinnig zwischen den "Innovativen Talenten" wie Henri Matisse, Albert Marquet, Henri Manguin, Charles Camoin, Georges Rouault und Henri Evenepoel, die Moreaus Weg zur Farbe fortsetzten und in ihren Bildern den Raum über die Farbe schufen, und den "Traditionsgebundenen Talenten" wie Jules-Gustave Besson oder Edgar Maxence, die vor allem Moreaus historischen Motiven treu blieben, ohne den Lehrer aber zu kopieren.

Der Katalog schließt perfekt die Klammer zwischen der kunstwissenschaftlichen Bedeutung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses und der Arbeitsatmosphäre im Atelier Moreau. Erstmals sind dafür auch viele Briefe der französischen Künstler übersetzt worden. Und natürlich sind alle Werke abgebildet.

(NGZ/ac)
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