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Neuss: Krietes ungewöhnlicher Lebensentwurf

Neuss : Krietes ungewöhnlicher Lebensentwurf

Als ihr Vater krank wurde, musste sich Constanze Kriete entscheiden – und zog zurück ins Elternhaus. Weil sie die Wochenenden in Düsseldorf verbringt, wird nun diskutiert, wo ihr Lebensmittelpunkt ist. Es geht um ihr Mandat.

Als ihr Vater krank wurde, musste sich Constanze Kriete entscheiden — und zog zurück ins Elternhaus. Weil sie die Wochenenden in Düsseldorf verbringt, wird nun diskutiert, wo ihr Lebensmittelpunkt ist. Es geht um ihr Mandat.

Nein, auf einem Klappstuhl sitzt Constanze Kriete nicht, wenn sie ihre Ratsunterlagen studiert. Die SPD-Stadtverordnete ist eher etwas altväterlich eingerichtet. Opulenter, als man es bei einer 36-Jährigen vielleicht vermuten würde, aber ihr gefällt es, sich mit Erbstücken und wuchtigen Polstermöbeln zu umgeben. Zumal ihre aktuelle Lebenssituation von ihr verlangt, sich im wahrsten Sinne des Wortes mit allem doppelt zu versehen, an zwei Orten heimisch zu sein. Genau daran hat sich nun eine Diskussion über ihren Lebensmittelpunkt entzündet. Wäre der nicht in Neuss, so dürfte sie ihr Mandat im Neusser Rat nicht weiter ausüben.

"Missgünstig", nennt Kriete diese Debatte. Sie stellt klar: "Ich wohne in Neuss und bin nur hier gemeldet" — und es gibt kaum jemandem in der Fraktion und auch nicht im Rathaus, der daran ernstlich zweifelt. Auch ihr Ortsverein Grefrath und mit ihm der Stadtverband Neuss bezweifeln diese Aussage nicht. Im Gegenteil: Sie nominieren Kriete, die im Mai eine zweite Amtszeit im Stadtrat anstrebt, als Direktkandidatin im Wahlbezirk Baldhof und sichern sie über den aussichtsreichen Listenplatz acht ab.

Krietes Name steht noch heute an der Klingel einer Düsseldorfer Wohnung. Dort lebt ihr Freund, dort lebte sie, als sie studierte. "Aber dann mussten wir uns einen Familienplan überlegen", berichtet sie von der Zeit, als ihr Vater schwer krank wurde. Weil der ältere Bruder nicht helfen konnte, zog sie zurück ins Elternhaus, wo sie die erste Etage zu einer eigenen Wohnung herrichtete — "allerdings ohne Küche". Denn zum Kochen, gibt Kriete zu, fehlen ihr Zeit und Geduld.

Ihren Freund sieht sie seitdem vor allem am Wochenende und nur selten wochentags. Diese Tage gehören der Politik, den Eltern und der Arbeit — zu der sie jeden Morgen um kurz vor 7 Uhr ein Kollege am Grefrather Elternhaus abhole. Ein eigenes Auto habe sie nicht, sagt Kriete. Sie fährt Bahn, nutzt Car-Sharing, kann sich aber auch ein Auto leihen.

Ehe, Häuschen und Garten hält die 36-Jährige derzeit nicht für vorrangig erstrebenswert. Würde ihr Freund das wollen, sagt sie, könnte sie sich das vorstellen — aber nur, wenn der gemeinsame Wohnort Neuss wird. Nein, derzeit lebt sie ein anderes, weniger konventionelles Partnerschaftsmodell. Dazu gehört aber auch, am Wochenende den Eltern den Rücken zu kehren und in Düsseldorf zu sein. Diese Tage definiert sie als politikfreie Zeit, in denen sie sich um einen "Blick von außen auf Neuss bemüht".

Emanzipiert, wie sie ihr Leben gestaltet, möchte Kriete auch Politik machen. Anfangs, als Juso-Vorsitzende, rebellisch ("Mein erster Antrag war die Forderung nach einem Gedenktag für Rudi Dutschke"), heute mit einem Schwerpunkt bei der Wirtschafts- und Finanzpolitik und dem Thema Gleichberechtigung. Nachdem sie die erste Frau im Aufsichtsrat der Häfen war, fordert sie nun, Frauen proportional in allen Aufsichtsgremien im "Konzern Stadt" zu berücksichtigen. Und sie versteht unter Gleichberechtigung auch, den politischen Nachwuchs früh in die Fraktion einzubinden und Verantwortung übernehmen zu lassen.

Kleine Fluchten aus ihrem Alltag im Spannungsfeld von Eltern und Freund, Arbeit und Ehrenamt, sind die Sitzungstage des Rates. Dann nimmt Kriete frei — und startet in den Tag mit einem Friseurbesuch.

(NGZ)