Neuss: Krach um Neusser Napoleon

Neuss : Krach um Neusser Napoleon

Als vor 100 Jahren bekannt wurde, dass für das Neusser Museum eine Napoleon-Skulptur geschaffen wurde, geriet die Stadt in aller Munde. In ganz Deutschland schlugen die Wogen der Empörung hoch.

In der Realität war er ein bisschen größer, aber auch als Figur von 80 Zentimeter Größe sorgte Napoleon noch für hitzige Reaktionen. Lange nach seinem Tod, im noch wilhelminischen Deutschland und gewissermaßen am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Ganz links am Bildrand ist der Napoleonstein zu sehen, der mit elf weiteren Figuren an der Balustrade im Lichthof des alten Museums angebracht war. Foto: Stadtarchiv

In einer Zeit also, als die Ressentiments gegen Frankreich auf einen neuen Höhepunkt zustrebten, wurde nämlich in Neuß beschlossen, den Kaiser der Franzosen in Stein zu verewigen und zum festen Inventar des neu gebauten Städtischen Museums am Markt zu machen.

"Dem Schlächter der deutschen Freiheit", "der das Land bis aufs Mark ausgesogen hat" — die Wogen der Empörung schlugen hoch im deutschen Blätterwald des Jahres 1912. Die kleine, durch und durch bürgerliche und revolutionärer Umtriebe ganz und gar unverdächtige Stadt am Rhein war plötzlich in aller Munde.

Die Geschichte dieses "Stein des Anstoßes" hat Jens Metzdorf ausgegraben. Der Leiter des Stadtarchivs fand in seinem Haus zahlreiche Unterlagen zum Bau des Museums vor 100 Jahren und unter anderem eben auch jene Zeitungsausschnitte, die belegen, welch große Kreise das Vorhaben zog.

Dabei ging es weniger um den tempelartigen Bau an sich als vielmehr um den Entschluss, die Galeriebrüstung im Lichthof des Museums mit zwölf Steinskulpturen zu verzieren, die — so das Anschreiben an die Künstler — "Charakterfiguren der Völkerschaften (Römer, Franken, Franzosen etc.)" symbolisieren sollten.

Der Kölner Georg Grasegger überzeugte mit seinen Entwürfen, die unter anderem auch Quirinus, Äbtissin Gepa, Karl d. Kühne und Alexander Farnese zeigten. Figuren eben, die in der städtischen Geschichte Spuren hinterlassen hatten — im Guten wie im Bösen.

Dass der Napoleonstein allerorten für Empörung sorgte, gar von einem "Neußer Napoleon-Kultus" gesprochen wurde, ließ die Städtväter dann doch reagieren. Aber selbst eine offizielle Gegendarstellung konnte nichts ausrichten. Und trotzdem: Man blieb dabei, Napoleon in die Riege der zwölf "Repräsentanten der verschiedenen Perioden der Geschichte der Stadt Neuß bis zur preußischen Zeit", wie Bürgermeister Franz Gielen schrieb, einzureihen.

Zumal da die ganze Geschichte ohnehin nicht in der Verantwortung der Stadt, sondern des Testamentsvollstreckers der verstorbenen Museumsstifterin Pauline Sels und einer Baukommission lag. "Aber man war wohl verunsichert", erzählt Metzdorf. Denn der Künstler Georg Graseeger wurde angehalten, "eine Umänderung der fertigen Figur des Farnese zum Blücher" vorzunehmen, zitiert Metzdorf schmunzelnd aus den Unterlagen. Und so geschah es, wie alte Fotos belegen.

Der Napoleonstein aber ist das einzig bekannte Überbleibsel aus dem Hochrelief des Lichthofes und steht heute am Clemens-Sels-Museum. "Leider beginnt er zu verwittern", sagt Metzdorf, "denn er ist ja nur für einen Innenraum gemacht worden." Er hofft, dass sich gerade im Jubiläumsjahr des Museums jemand findet, der sich der Erhaltung dieses "speziellen kleinen Denkmals der Neusser Kulturgeschichte" annimmt.

(NGZ)
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