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Neuss: Komödie über den Weltuntergang

Neuss : Komödie über den Weltuntergang

Sie lieben das Getöse immer noch größerer Kanonen, den Krieg und die Schlachten. Und sie lieben das Geld. Vor allem sind sie sofort Feuer und Flamme, wenn sich das eine mit dem anderen verbinden lässt. Freaks und Sonderlinge sind die Mitglieder des Kanonenclubs von Baltimore und nichts kann sie abhalten von ihrem Vorhaben, die Erdachse zu begradigen, was die Polkappen schmelzen und die ungeheuren Bodenschätze unter der Antarktis zugänglich werden ließe.

Eigentlich verblüffend, dass Jules Verne schon vor mehr als 120 Jahren in seinem Roman "Schuss am Kilimandscharo" eine skurrile Posse schrieb über die skrupellose Gier, die vor keiner noch so endgültigen Zerstörung des Planeten Halt macht. Markus Andrae hat diese wilde Komödie um gelangweilte amerikanische Waffennarren, die skrupellose Jagd nach Rohstoffen und die Bereitschaft, den Planeten zu zerstören, sofern nur eine schöne Rendite dabei herausspringt, frei nach Jules Verne inszeniert, und beschert damit dem Theater am Schlachthof einen bissigen, humorvollen und aktuellen Auftakt zur neuen Spielzeit.

Schrill und witzig war die Premiere dieser "Weltuntergangskomödie" am Samstag, in der Andrae die Waffennarren als Beschädigte an Leib und Seele zeigt, die bar jeglicher Verantwortung und Sozialität ihre persönlichen Interessen zu verfolgen und die Welt aus den Angeln zu heben wissen. Tim Fleischer, Bertolt Kastner, Johann Wild und Christoph Kühne präsentieren die Mitglieder dieses exklusiven Clubs einfach charmant als Tollhäusler, die mit der Entschlossenheit des reinen Wahns. Suzan Erentok zeigt souverän die dunkle, von keinerlei Skrupeln geplagte Geldgeberin Mrs. Scorbitt und Anke Jansen ist einfach gut als skeptische Tochter des Kanonenclubpräsidenten Barbicane. Bernd Farber gibt dem turbulenten Geschehen einen Rahmen aus schiefen weißen Säulen, ein schräger Ort zwischen Abschussrampe und einer Welt, die bedrohlich ins Wanken zu geraten droht.

Sergio Abajurs Kostüme, die das Geschehen in die wohlige Ferne des späten 19. Jahrhunderts verlegen, sind ohnehin immer ein Hingucker, originell, begeisternd und pointiert. Ein Glück, dass Kanoneningenieur James T. Maston sich ein wenig verrechnet hat und das Vorhaben gründlich misslingt, obwohl der Riesenknall der Detonation mindestens so groß ist wie der, den seine Urheber haben. Also gibt es ein Happyend und Schonfrist für die Welt, zumindest aus der Perspektive Jules Vernes.

(NGZ)