Komödie der "HandleBards" begeisterte im Globe Neuss

Shakespeare-Festival : Unbekümmert, witzig und voller Energie

Die HandleBards brachten eine umwerfende Fassung der Komödie „Was Ihr wollt“ ins zweimal ausverkaufte Neusser Globe.

Was die HandleBards im vergangenen Jahr mit einem großartigen „A Midsummer Night’s Dream“ (Sommernachtstraum) versprochen hatten, lösten sie mit ihrer Inszenierung von „Twelfth Night“ (Was Ihr wollt) vollends ein: Die vier Radfahrer boten dem Publikum im  Globe eine temporeiche, urkomische Fassung der Shakespeare-Komödie voller Situationskomik, Slapstick und Sprachwitz. HandleBards-„Erfinder“ Paul Moss hatte nur wenig übertrieben, als er vor Beginn der Aufführung darauf hinwies, dass die noch junge Theatertruppe aus London normalerweise unter freiem Himmel spiele. In einem geschlossenen Raum wie dem Globe-Nachbau auf der Neusser Rennbahn bestehe aufgrund der sehr konzentrierten Energie des Ensembles Explosionsgefahr, so Moss im Gespräch mit Theaterwissenschaftlerin Vanessa Schormann.

Der Name „HandleBards“ hätte Shakespeare, der Sprachspiele liebte, gefallen, setzt er sich doch aus dem englischen Wort für Fahrradlenker (handlebar) und Dichter (bard) zusammen. Und das beschreibt das Konzept der Truppe schon recht gut: Die Schauspieler reduzieren Kostüme, Bühnenbild und Requisiten auf das, was auf die Gepäckträger ihrer Fahrräder passt. Etwa 2500 Rad-Kilometer legten sie innerhalb Englands pro Jahr zurück, rechnete Vanessa Schormann zusammen. Der Auftritt in Neuss war eines der wenigen Auslands-Gastspiele in diesem Jahr. 2013 als rein männliche Theatergruppe gegründet, haben die HandleBards inzwischen einen weiblichen Ableger, der derzeit mit „Romeo und Julia“ unterwegs ist. Die Jungs haben sich mit „Twelfth Night“ erneut dem ersten Stück in ihrem gemeinsamen Repertoire zugewandt, „weil es uns sehr am Herzen liegt“, wie Paul Moss betonte.

Das war den vier Schauspielern anzumerken. Spielfreudig von der ersten Minute hatten sie offensichtlich viel Spaß an der Verwirrung der Geschlechterrollen: Mann spielt Frau, die sich wiederum als Mann ausgibt. Da es insgesamt 14 Rollen zu besetzen galt, waren fast pausenlos Kostümwechsel notwendig. Weil diese stets akustisch von einer Fingerklingel begleitet wurden, bimmelte es in einigen Szenen ganz ordentlich. Oft standen Accessoires (Brille, Schnurrbart) oder Kleidungsstücke (Jacke, Kleid) vorübergehend stellvertretend für eine Figur, bis der jeweilige Schauspieler – im atemberaubenden, im wörtlichen Sinne fliegenden Wechsel – wieder hineinschlüpfte und den Textpart übernahm. Da wären die Rollen-Besetzungen durch kurzerhand ausgewählte „Freiwillige“ aus dem Publikum nicht eigentlich notwendig gewesen, sorgten aber zusätzlich für Gaudi.

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Gut für alle, denen das Englische der elisabethanischen Epoche nicht allzu geläufig ist: Denn auf diese Weise reichten mäßige Sprachkenntnisse und eine grobe Orientierung über die Handlung aus, um herzlich lachen zu können. Mark Collier, der die Zwillinge Viola und Sebastian spielte, hatte seine besonderen Momente als Dienstmädchen Maria, deren Ballon-Brüste immer groteskere Ausmaße annahmen. Mit Bartträger Ross Ford (außerdem Sir Toby) verkörperte ausgerechnet der Größte auf der Bühne Olivia und überraschte das Publikum mit einer intensiven Knutscherei zwischen seiner Rolle und einer Mütze. Bilderbuch-Brite William Ross-Fawcett (u.a. Feste, Antonio, Priester) beeindruckte durch wechselnde Akzente. Und Luke Wilson durfte nicht nur den Herzog Orsino geben (mit Fahrradhupen statt Epauletten auf den Schultern), sondern bekam als hereingelegter Moralapostel Malvolio in schrillem Outfit und mit Eddie-Murphy-Raubtier-Grinsen Szenenapplaus. Alles in allem eine runde Ensemble-Leistung.

Hoffentlich haben die HandleBards immer genug Luft in den Reifen und ausreichend Kraft in den Waden, um auch im nächsten Jahr an den Rhein zu kommen.

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