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Neuss: Kluges Spiel um Cinderella

Neuss : Kluges Spiel um Cinderella

Aus dem Grimm'schen Märchen "Aschenputtel" haben Regisseurin Catharina Fillers und RLT-Theaterpädagogin Stefanie Schnitzler eine eigene Fassung gemacht. Sie überzeugt auf ganzer Linie.

Von welchem Kaliber es ist, macht das Mädchen schon in den ersten Minuten klar. Als der Erzähler davon kündet, dass eine Frau mit zwei Töchtern ins Haus des verwitweten Vaters von Cinderella einziehen würde, wird er rüde unterbrochen und keifend korrigiert: "Eine!".

Was er dann zwar irritiert, aber folgsam aufnimmt. Ein hübscher Einfall, um aufzufangen, dass ein fünfköpfiges Ensemble beim umfangreichen Personal des Märchens "Aschenputtel" auf der Bühne an Grenzen stößt.

Regisseurin Catharine Fillers macht für ihre Inszenierung des Grimm-Märchens am RLT aus der Not eine Tugend, setzt damit gleich einen ersten Lacher und die Figur der Stiefschwester auf die richtige Bahn. Linda Riebau — von der eigenen Mutter zärtlich mal "Spatzenhirnchen", mal "Mäusezähnchen" gerufen —, ist nämlich eine solche Giftspritze, dass jeder Auftritt von ihr zum Vergnügen wird.

Zusammen mit ihrer Mutter — von Hergard Engert herrlich affektiert gespielt — macht sie Cinderella das Leben zur Hölle. Diese wird nicht nur aus ihrem schönen Zimmer verbannt, sondern heißt ab sofort nur noch Aschenputtel.

Muss putzen, kochen, waschen, den Hof kehren, den Wasserkocher entkalken, die Festplatte defragmentieren ... wie bitte? Mit Kleinigkeiten wie diesen streuen Fillers, Theaterpädagogin Stefanie Schnitzler und Dramaturgin Barbara Roth immer wieder Irritationen ein, an denen dann vor allem die großen Zuschauer ihre helle Freude haben.

Überhaupt haben sie die Geschichte modernisiert, ohne ihr dabei den Wiedererkennungswert zu rauben. Natürlich bekommt Cinderella ihren Prinzen, aber der Weg dahin macht manch neue Kurve. Führt zum Beispiel zu der Frage, warum Aschenputtel vom heimkehrenden Vater keine Unterstützung erfährt.

Ganz kurz nur, aber für einen kleinen, denkwürdigen Moment steht diese Erwartung im Raum: Väter müssen ihr Kinder doch beschützen .... und in Rainer Scharenbergs Vater-Gesicht sieht man die sich widerstreitenden Gefühle spiegeln.

Wie alle anderen im Ensemble übernimmt auch Scharenberg mehrere Rollen, spielt noch den Vater des Prinzen, aber gewinnt die Herzen vor allem als weise Taube, die Aschenputtel klug und behutsam und ganz kleines bisschen selbstgefällig durchs Leben bis hin zum glücklichen "rucke di guh — kein Blut ist im Schuh" führt. Jonathan Schimmer, der auf liebenswert-tapsige Weise auch den tanz- und liebesunwilligen Prinzen spielt, ist sein ungestümes Pendant — der HipHopper unter den Tauben, dessen begeistertes "Jo" auch Aschenputtel ansteckt.

Denn auch dieses ist nicht einfach nur ein bedauernswertes Geschöpf. Emilia Haag gibt der Figur viel Temperament und Lebenslust und macht ihrer Wut auch manches Mal Luft. So möchte sie Stiefmutter und -schwester am liebsten "mit klebriger Marmelade begießen, und einen Schwarm Bienen auf sie loslassen".

Dieser Mischung aus schrägen Humor für die Großen und klarem Witz für die Kleinen, mit klugen Streichungen im Text und Personal, haben Yvonne Theodora Sturm und Regina Rösing ein passendes Äußeres gegeben.

Storm hat ein wandelbares Bühnenbild geschaffen, das mit wenigen Veränderungen mal Küche, mal Tanzsaal ist. Sehr nett und sprechend auch die Idee, das Grab der Mutter in einen Koffer zu packen und Aschenputtel darin auch das Ballkleid finden zu lassen.

Und Rösings Kostüme sind nicht nur dazu angetan, den Prinzenvater flugs in eine Taube zu verwandeln, sondern erfüllen auch alle Erwartungen, wie böse Stiefschwestern gekleidet zu sein haben — nämlich überkandidelt — und künftige Prinzessinnen — nämlich geschmackvoll in Gold und Silber.

Wahrlich eine sehenswerte Aufführung für große und kleine Zuschauer — was auch der jubelnde Beifall bei der Premiere eindrucksvoll bezeugte.

(NGZ)