Straßenverkehr in Neuss Die Mobilitätswende nimmt Fahrt auf

Neuss · Die Klima-Debatte befeuert die Frage, wie der Verkehr der Zukunft aussieht. In Neuss wird die Mobilitätswende bereits vorangetrieben. Aber das kostet.

 Der erste E-Bus fährt bereits durch Neuss. Die Busflotte soll weiter elektrifiziert werden.

Der erste E-Bus fährt bereits durch Neuss. Die Busflotte soll weiter elektrifiziert werden.

Foto: Woitschuetzke,Andreas (woi)

Jeder Wunsch hat einen Preis. Im Juni will Bürgermeister Reiner Breuer den Entwurf für ein neues Klimaschutzkonzept vorlegen, Ziel ist die Klimaneutralität bis 2035. Das Thema spielt dann mitten in die heiße Phase des Wahlkampfs, in dem – dazu bedarf es angesichts der Klimaschutz-Bewegung, die einen langen politischen Dornröschenschlaf endgültig beendet hat, keiner Glaskugel – das Thema „Klima“ quer durch die Parteien eine große Rolle einnehmen wird. Wer Klimaschutz ernsthaft will, der muss aber auch die Finanzierung klären. Zum Nulltarif gibt es ihn schließlich nicht. Und er muss Zielsetzungen einem Realitätsabgleich unterziehen.

Auf dem Weg zur CO2-Neutralität steht vor allem die Mobilitätswende im Fokus. Mit Spannung erwartet wird zum Beispiel, wie sich die Anzahl der Elektro-Pkw und Hybridautos im vergangenen Jahr entwickelt hat. Zahlen dazu legt die Abteilung Statistik und Stadtforschung, die bei der Wirtschaftsförderung der Stadt Neuss angesiedelt ist, jährlich vor. Zum 1. Januar 2019 waren in Neuss 136 Elektro-Pkw und 800 Hybridautos zugelassen. Angesichts eines Kraftfahrzeugbestands von 104.986 Fahrzeugen ist das zwar noch verschwindend gering. Es gibt jedoch ein Aber: Die Zahl der Elektro-Pkw hat im Vergleich zum Stichtag 1. Januar 2018 um 51,1 Prozent zugenommen, bei den Hybridautos waren es 43,1 Prozent. Und darauf, dass E-Autos immer häufiger im Straßenverkehr unterwegs sind, bereitet sich Neuss vor.

Der Ausbau der Ladeinfrastruktur wird bei den Stadtwerken forciert. Rund 100 Ladepunkte gibt es derzeit in der Quirinus-Stadt – öffentlich-zugängliche ebenso wie private oder Angebote für Mitarbeiter auf Firmengrundstücken. Stadtwerke-Geschäftsführer Ekkehard Boden betont, dass die Nachfrage nach einem weiteren Ausbau groß sei. „Ende 2020 werden wir circa 300 Ladepunkte in Neuss haben.“ E-Auto-Besitzer können ihre Fahrzeuge mit einer Ladekarte an allen Ladesäulen der Stadtwerke zum monatlichen Flatrate-Tarif für 17,50 Euro (Stromkunden) beziehungsweise 25 Euro (Kunden ohne Stadtwerke-Stromvertrag) aufladen. Getankt wird 100 Prozent Ökostrom – sonst würde E-Mobilität auch wenig Sinn machen. Zusätzlich gibt es Zugang zu allen Ladesäulen des Verbundes ladenetz.de. Aber nicht nur Firmen bauen das Netz für ihre Mitarbeiter aus. Auch die Nachfrage nach Stromboxen, die Neusser privat zu Hause anbringen, steigt.

Wer über Klimaschutz und Mobilitätswende spricht, der nimmt aber auch den ÖPNV in den Blick. Der erste E-Bus fährt bereits im Pilotbetrieb über Neusser Straßen. Zwei weitere E-Busse sollen 2020 hinzukommen, das gilt auch für zwölf Hybridgelenkfahrzeuge im Übergang und zur Sicherstellung des Fahrbetriebs. Denn beim Ladeprozess soll, basierend auf den bislang gesammelten Erfahrungen, umgesattelt werden: vom sogenannten Depot-Charging (also über Nacht in der Stadtwerke-Zentrale an der Moselstraße) zum „Opportunity Charging“, bei dem – vereinfacht erklärt – Haltestellen zur Stromtankstelle werden. „Reichweitensicherheit“ ist das Ziel. In den kommenden zehn Jahren soll die Busflotte – sie umfasst 84 Busse auf zwölf Linien – weiter elektrifiziert werden. Aber das kostet. Stadtwerke-Geschäftsführer Stephan Lommetz nennt eine Größenordnung, die auf aktuellen Zahlen basiert. „Der komplette Flottenumbau auf E-Busse würde Stand jetzt samt Ladepunkten zwischen 55 und 60 Millionen Euro kosten“, sagt er.

Das bezieht sich auf die Infrastruktur. Wenn aber, wie oft gefordert, mehr Menschen den ÖPNV nutzen sollen, dann muss auch die Taktung in den Spitzenzeiten erhöht werden. Das bedeutet mehr Personal. Und auch über die Gestaltung des ÖPNV wird nachgedacht. Zwar betont Lommetz: „Über 90 Prozent der Bürger in Neuss können im Abstand von 400 Meter eine Haltestelle erreichen.“ Die Netzabdeckung sei gut. Aber der ÖPNV ist in Neuss sternförmig aufgestellt, das heißt: Aus den Stadtteilen geht es erstmal ins Zentrum, dort befinden sich die zentralen Verteilknoten. Je nach Bedarf bedeutet das aber deutlich längere Fahrtzeiten als mit dem Auto.

Da kommen Sharing- und Demand-Angebote ins Spiel. Die Planungen sind weit gediehen. E-Auto-Sharing soll ab 2020 am Niedertor und an der Moselstraße angeboten werden, als flankierende Maßnahme zum ÖPNV. Mit dem Fahrplanwechsel am 6. Januar wird zudem die bisherige Taxibuslinie 857 auf einen Linienbetrieb umgestellt. Die 857 wird dann regelmäßig zwischen Hauptfriedhof und Hauptbahnhof pendeln und die Siedlung Klever Straße ebenso in den regulären Fahrplan einbeziehen wie die Internationale Schule oder das Memory-Zentrum. Ab Hauptfriedhof ist eine Taxibus-Verlängerung Richtung Bauerbahn geplant. Zudem könnte im April der Betrieb der Schnellbuslinie 53 starten. Sie soll Reuschenberg mit dem Düsseldorfer Süden verbinden.

Auch bei der Stadtplanung spielen Klimaschutz und Mobilitätswende eine immer größere Rolle. Planungsdezernent Christoph Hölters verweist auf den Mobilitätsentwicklungsplan, der auf den Weg gebracht ist. „Dabei gilt es, alle Verkehrsteilnehmer, also zum Beispiel auch Fußgänger und Radfahrer, in den Blick zu nehmen“, sagt Hölters. Der Mobilitätsentwicklungsplan soll einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz liefern. „Dabei wollen wir die Bürger aktiv einbinden.“

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