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Neuss: "Klänge in der Dunkelheit"

Neuss : "Klänge in der Dunkelheit"

Der Stromausfall bei der Romanischen Nacht im vergangenen Jahr brachte Münsterkantor Joachim Neugart auf das Thema der aktuellen Auflage im Rahmen der Kirchenmusikwochen. Er brachte "Klänge in die Dunkelheit".

Klänge in der Dunkelheit und meditative Stille: Die 17. Romanische Nacht in der voll besetzten Quirinusbasilika führte über weit mehr als drei Stunden in außergewöhnlicher Dramaturgie vom prachtvollem Frühbarock über lichtdurchflutetes Abendlob zur polyphonen Faszination mittelalterlicher Musik.

Außergewöhnlich muss man auch die Leistungen des Münsterkantors Joachim Neugart und seiner Ensembles nennen, die den Großteil der Nacht bestritten. Der Münsterchor entfaltete "Salzburger Pracht" mit der "Missa St. Henrici" für fünf Solisten, fünfstimmigen Chor und Orchester von Heinrich Ignaz Franz Biber.

Dieser österreichische Komponist, 1684 zum Kapellmeister am Hof des Salzburger Fürsterzbischofs ernannt, pflegte nach venezianischem Vorbild im Salzburger Dom einen "Kolossalstil", der auch in der Neusser Basilika wirkungsvoll den Raum einbezog. Die vorzügliche "Sinfonietta am Quirinusmünster" wurde gleichsam überhöht von vier barocken Trompeten und Posaunen, die vor allem bei den Tutti-Sätzen für strahlenden Glanz sorgten.

Das beeindruckte wohl auch zunächst den Münsterchor, der im festlichen "Kyrie" geradezu schüchtern sang, sich aber schnell im "Gloria" und "Credo" zum sicher geführten Festchor emporschwang. Bei den fünf "Voci concertati" konnten besonders Ute Weitkämper (Alt) und Christian Walter (Bass) überzeugen.

Zur zweiten Stunde wurde die Basilika in farbiges Licht getaucht, der Kammerchor "Capella Quirina Neuss" begeisterte mit bekannten Abendliedern in Sätzen von Max Reger und Joseph Rheinberger sowie zeitgenössischen Motetten von Morten Lauridsen und John Rutter. Im Mittelpunkt aber stand die fünfstimmige Motette "Jesu meine Freude" von Johann Sebastian Bach. Hier wurde die enorme Intonationsreinheit, schon bei Lauridsens "O nata lux" homogen "wie eine Stimme", ebenfalls zum Fest. Beachtlich auch der Alt in seiner wunderbaren Klarheit bei der Choralvariation. So hatte es nur Symbolgehalt, als bei Eric Whitacres "Sleep — Ich bin zum Schlaf bereit" alle Lichter ausgingen.

Eine Stunde vor Mitternacht hatte aber noch kein Zuhörer die Basilika verlassen, als das vor allem in Europa und Amerika gefeierte "Trio mediaeval" aus Oslo ein speziell für die Romanische Nacht konzipiertes "Stella maris" zum Höhepunkt machte. Absolute Stille herrschte zunächst, als Hans-Josef Holtappels, Vorsitzender des Förderkreises Kirchenmusik, um ein Gedenken an die Opfer des furchtbaren Massakers in Norwegen am Tag zu vor bat.

In diese Stille brach das verzweifelt schreiende "Kyrie" von Sungji Hong fast schmerzhaft ein. Sie und Gavin Bryars haben für das Trio kongeniale Ergänzungen zu den faszinierenden Funden einer "Worcester Ladymass" aus dem 13. Jahrhundert geschrieben. Das ist von übernatürlicher Schönheit gerade dann, wenn die drei Soprane des "Trio Mediaeval" mit ihren einzigartigen Stimmen alte und neue Musik klar und rein, zugleich kraftvoll verbinden.

(NGZ)