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Neuss: Kinder spielen im "Garten der Sinne"

Neuss : Kinder spielen im "Garten der Sinne"

Die Reuschenberger Kita Lutherstraße war der erste Bewegungskindergarten im Rhein-Kreis. Die NGZ hat am Dienstag, am "Weltspieltag", in der Einrichtung vorbeigeschaut, die viel Wert legt auf freies Spielen und Lernen von der Natur.

Auf den ersten Blick sind es Umzugskartons, die Ulrike Müller-Rütz heute mit in die Kita gebracht hat. Doch für die Kinder haben sich die braunen Kisten längst verwandelt: In Seeräuberboote, mit denen sie in See stechen können, oder in kuschelige Höhlen, in denen so manches Geheimnis geteilt wird.

"Freies Spielen ist für die Entwicklung der Kinder ungemein wichtig", sagt Müller-Rütz. Die Erzieherin leitet die Evangelische Tageseinrichtung Lutherstraße in Reuschenberg. Die Kita war vor mehr als zehn Jahren der erste anerkannte Bewegungskindergarten des Rhein-Kreises, ein Konzept, das Müller-Rütz und ihr Team stetig weiterentwickelt haben. Die Erzieherin, die viele Jahre für den Stadtsportverband Bewegungskindergärten betreut hat, nutzt für ihre Arbeit Ansätze aus der Psychomotorik — "ein ganzheitliches Konzept zur Entwicklungsförderung", erläutert Müller-Rütz. Es beinhaltet etwa die Erkenntnis, dass Bewegung und Wahrnehmung eng verknüpft sind, Kinder also leichter lernen, wenn Inhalte mit Bewegungen verbunden sind.

Ulrike Müller-Rütz ist es wichtig, den Mädchen und Jungen die Umwelt erfahrbar zu machen. "Es ist ein Unterschied, ob ich einen echten Apfel fühle und schmecke oder ihn nur auf einem Bildschirm sehe", erläutert die Erzieherin. Deswegen gibt es im "Garten der Sinne" viel zu erleben, darunter einen Barfußpfad, ein Wasserspiel und eine Gartenecke.

Die vielen Angebote sind auf dem weitläufigen Gelände verteilt — nicht nur, um den Kindern einen Bewegungsraum zu schaffen, sondern auch um ihnen überhaupt das Spielen "auf der grünen Wiese" zu ermöglichen. "Denn das erleben Kinder heute kaum noch", sagt Müller-Rütz. In den Städten fehle der Platz, in den Kitas das Personal, um Gartenflächen zu pflegen. Ein echtes Manko, meint die Erzieherin, die bewusst darauf verzichtet hat, die Fläche mit Spielgeräten "vollzustellen". Denn die Kinder sollen lernen, frei zu spielen, kreativ zu sein — "das stärkt die Persönlichkeit", sagt Müller-Rütz. Ihr Credo: "Die Natur ist der beste Lehrmeister". Von daher sieht sie mit Sorge, dass immer mehr Kinder so behütet aufwachsen, dass kein Baum mehr erklettert wird. Die Angst der Eltern bekommen auch die Erzieherinnen in Reuschenberg zu spüren — die "Slagline", ein Balancierseil, das in geringer Höhe zwischen zwei Bäume gespannt wird, sorgt bei den Erwachsenen, die Verletzungsgefahr für ihre Kinder fürchten, häufig für Diskussionen. Müller-Rütz verweist dann auf ihre Erfahrung — immerhin leitet sie die Kita seit knapp 33 Jahren — "und Unfälle haben wir kaum, weil die Kinder bei uns lernen, ihren Körper zu beherrschen", sagt die Erzieherin, die in Gesprächen mit den Eltern auch versucht, den Leistungsdruck zu mindern, den viele Erwachsene auf ihre Kinder übertragen. "Kinder entwickeln sich natürlich, sie lernen auch beim ganz normalen Spiel", sagt Müller-Rütz, die den Kindern Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit vermitteln möchte. "Denn das ist wichtig, um später in der Schule gut mitarbeiten zu können", sagt die Erzieherin. Für die Kinder ist das Ganze im Optimalfall ein großer Spaß — "Schiff Ahoi" rufen sie, bevor das Kartonboot wieder in See sticht.

(NGZ/ac)