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Neuss: "Kinder müssen Selbstkontrolle lernen"

Neuss : "Kinder müssen Selbstkontrolle lernen"

Über Werte, Willen und die Mediennutzung sprach Dr. Manfred Spitzer im Edith-Stein-Familienforum. Seine These: Kinder müssen lernen, sich zu kontrollieren.

Als Neurowissenschaftler, Mediziner und Psychiater sehen Sie die Stärkung der kindlichen Selbstkontrolle als eines der wichtigsten Ziele von Erziehung. Weshalb?

Manfred Spitzer Es gibt seit den sechziger Jahren den sogenannten Marshmallow-Test, der die Fähigkeit vierjähriger Kinder zur Selbstdisziplin untersucht. Ein Blick auf die spätere Entwicklung dieser Kinder zeigt sehr deutlich, dass diejenigen, die als Vierjährige fähig waren zur Selbstkontrolle, später im Leben weitaus erfolgreicher waren als die anderen. Das Interessante ist, dass sich mit diesem Test der spätere Lebenserfolg sogar zuverlässiger vorhersagen lässt, als beim Blick auf andere Faktoren wie etwa Intelligenz oder Reichtum der Eltern. Und eben diese Fähigkeit, früher nannte man das Willenskraft, heute spricht man von den exekutiven Funktionen, kann man fördern. Natürlich müssen wir auch die richtigen Werte vermitteln, denn jemand, der die falschen Werte vermittelt bekommt, und zugleich sehr diszipliniert ist, wird womöglich ein recht effektiver Krimineller. Das kann natürlich nicht das Ziel von Erziehung sein. Aber insgesamt ist es wichtig, neben der Förderung von Intelligenz und der Vermittlung von Werten auch die Fähigkeit zur Selbstkontrolle zu fördern.

Wie gelingt das?

Spitzer Es gibt sehr viele Spiele, die diese Fähigkeit fördern, einfach sind und viel Spaß machen. Wer sich dafür interessiert, findet im Internet unter www.znl-fex.de viele Hinweise. Kinderlieder, Singspiele sind kleine Übungen schon für das Kindergartenalter. Aber auch gemeinsam einen Kuchen zu backen, nicht vom Teig zu naschen, den Tisch zu decken und dann erst gemeinsam zu essen, das trainiert wie viele alltägliche Dinge diese Fähigkeit ganz hervorragend.

Computer, Spielekonsolen, Fernsehen für Kinder lehnen Sie dagegen rundum ab?

Spitzer Digitale Medien im Kindergarten sind eindeutig schädlich.Es gab mal eine Disney-DVD für die Kinder, die für die Teletubbies noch zu jung sind. Versuche haben gezeigt, dass diese DVD sich sehr negativ auf die Sprachentwicklung der Kinder ausgewirkt hat. Genau genommen war sie doppelt so schädlich wie tägliches Vorlesen positiv ist.

Was ist mit Medien im Unterricht?

Spitzer Im Grunde ist ein PC im Klassenraum zu vergleichen mit einem Bücherregal, dessen Aufstellung im Klassenzimmer ja auch nicht automatisch zu einer verbesserten Lesefähigkeit führt. Man braucht Bücher, aber diese nützen auch nichts, solange sie nicht in den Unterricht sinnvoll eingebunden sind. Wenn dies aber alles geschieht, dann klappt es mit dem Lesen besser. Ganz analog braucht der Computer die richtige Software, aber selbst das reicht noch nicht. Computer und Software müssen sinnvoll in den Unterricht integriert werden. Gerade hier aber gibt es nun, nach mehr als zehn Jahren, endlich die ersten vernünftigen Programme. Jahrelang ist da sehr viel Geld verbrannt worden, auch wenn durch Studien wie PISA klar belegt war, dass Computer für die Lernentwicklung von 15-Jährigen nicht förderlich sondern eher schädlich sind. Es ist Zeit, dass wir diese Dinge endlich besser machen als bisher. Statt in Smartboards und Computer hätten wir das Geld in der Vergangenheit besser in Lehrerstellen und Lehrerausbildung stecken sollen, weil das viel entscheidender ist für die Entwicklung der Kinder.

Sport, Musik, Kunst, Theater sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Schulfächer?

Spitzer Ja, weil Kinder hier ihre Selbstwirksamkeit lernen. Sie lernen, dass man durch Beständigkeit weiterkommt und besser wird, sie lernen, wie Lernen funktioniert. Das ist nicht meine persönliche Meinung, sondern das ist wissenschaftlich durch entsprechende Studien nachgewiesen. Es ist wichtig für Kinder, zu lernen, wie man Widerstände überwindet und etwas schafft durch eigene Kraft, Beharrlichkeit und Willenskraft.

NGZ-Mitarbeiterin Dagmar Kann-Coomann führte das Gespräch.

(NGZ)