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Ein geordnetes Familienleben fehlt: Kein Halt vor Gewalt

Ein geordnetes Familienleben fehlt : Kein Halt vor Gewalt

Von Sebastian Peters Immer häufiger vermeldet die Polizei in den vergangenen Wochen Überfälle von mehreren Jugendlichen auf zahlenmäßig kleinere Opfergruppen in der Neusser Innenstadt . Eine Streetworkerin bestätigt die Beobachtung.

Von Sebastian Peters Immer häufiger vermeldet die Polizei in den vergangenen Wochen Überfälle von mehreren Jugendlichen auf zahlenmäßig kleinere Opfergruppen in der Neusser Innenstadt . Eine Streetworkerin bestätigt die Beobachtung.

Raubüberfälle nehmen in der Neusser Innenstadt zu, jugendliche Frustration schlägt immer häufiger um in blinde Gewalt. Die Opfer sind oft Jugendliche, manchmal Erwachsene. Die Täter: jugendliche Gruppierungen, ihren Opfern stets zahlenmäßig überlegen. Kaum ein Tag vergeht in den vergangenen Wochen, an dem die Polizei nicht über Straftaten Jugendlicher und junger Erwachsener auf Neusser Stadtgebiet berichten muss.

Auffällig ist dabei: Es sind immer größere Gruppierungen, die meist nachts Gewalt ausüben. "Von organisierten Bandenstrukturen kann man nicht sprechen", merkt Polizeisprecher Bernd Schmutzler aus Neuss an. Gleichwohl registriert er eine "leichte Anhäufung von Gewaltdelikten in der Innenstadt."

Die Fälle im Oktober:

l Sonntag, 2. Oktober: Ein 19-Jähriger Neusser wird in der Innenstadt von vier Männern angegriffen und mit einem Metallgegenstand geschlagen.

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l Freitag, 7. Oktober: Zwei Jugendliche attackieren am Hauptbahnhof, ausgang Further Straße, einen 29-jährigen Neusser am helllichten Tag.

l Samstag, 8. Oktober: Ein 19-jähriger Neusser verlässt am frühen Morgen eine Discothek und wird am Alexianerplatz von einer Gruppe Jugendlicher angegriffen. Dabei wird ihm wird die Geldbörse gestohlen.

l Dienstag, 18. Oktober: Gegen 22 Uhr wird in der Neusser Nordstadt ein 24-Jähriger von vier jugendlich aussehenden Tätern grundlos mit einem Kantholz zusammen geschlagen.

l Samstag, 22. Oktober: Fünf junge Männer, die Polizei vermutet diese im Punkermilieu, greifen einen 25-Jährigen Mann aus Uganda brutal in der Innenstadt an, treten auf ihn ein, während das Opfer am Boden liegt und stehlen seine Brieftasche.

l Samstag, 29. Oktober: Drei Jugendlichen werden in der Neusser Innenstadt von sechs Personen gegen Mitternacht an der Kreuzung Bleichstraße, Königsstraße die Handys gestohlen. Die Täter schlagen auf die Opfer ein und drohen mit einem waffenähnlichen Gegenstand. Es ist nicht so, als ob Polizei und Jugendamt den Entwicklungen tatenlos zusähen.

Eine Frau, die nah an den Jugendlichen arbeitet, ist die Streetworkerin Marion Hardegen, die mit einem Kollegen gemeinsam den Bereich Innenstadt betreut. Was sagt sie zur Beobachtung der zunehmenden Gewaltbereitschaft? "Das kann ich nur bestätigen." Auch ihr falle auf, dass in der Innenstadt derzeit "keine gute Stimmung herrscht".

Hardegen wird konkreter: "Es gibt ein Spektrum verschiedener Gruppierungen, die sich in der Innenstadt in Cliquen zusammentun". Die jugendlichen Subkulturen, die die Streetworkerin Marion Hardegen in der Innenstadt registriert sind bunt gemischt: Hip-Hopper, Punker, Gabba-Techno-Fans und neuerdings auch zunehmend Jugendliche, die sich dem rechtsradikalen Lager zugehörig fühlen.

Nicht alle diese Gruppierungen seien gewaltbereit, betont Hardegen, die unterstreicht, dass es bei den Cliquen sowohl um ausländische als auch deutsche Jugendliche handele. Sie beobachtet zudem, dass häufig "weiche" und manchmal gar härtere Drogen im Spiel seien. Zu vielen dieser Cliquen besäßen die Streetworker Zugang, sind nachts in den Szeneplätzen präsent und wirken mit Gesprächen deeskalierend.

Den Jugendlichen fehle vielfach einfach das Geld, um sich an Plätzen aufzuhalten, wo "normale" Heranwachsende sich die Zeit vertreiben. Ein geordnetes Familienleben fehle. Für Kneipen oder Disco gäbe es kein Geld. Die Frustrationstoleranz sei nicht hoch: "Viele haben einfach nicht gelernt, mit Konflikten umzugehen." Auch die Politik sorgt sich mittlerweile um die innerstädtische Sicherheit.

So bittet der CDU-Stadtverordnete Dr. Heinz-Günther Hüsch Landrat Patt um Gegenmaßnahmen mit Verweis auf eine Reihe von "schweren Straßendelikten" im Bereich von Kanal- und Zollstraße. Dasselbe gelte auch in krasser Weise für die Mühlenstraße. Achim Tilmes, Leiter des Neusser Jugendamtes, sind viele Fälle bekannt. Auch er registriert, dass sich "immer wieder Gruppierungen zusammenrotten."

Er meint: "Jeder einzelne dieser Täter ist ein Feigling". Tilmes erkennt bereits einige Erfolge bei der Zusammenarbeit von Streetworkern, Jugendamt und Polizei. Allerdings, so das Manko, wirkten sich diese Erfolge kaum öffentlichkeitswirksam aus.

(NGZ)