Kay Neumann hat am RLT Neuss „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ inszeniert

Premiere am RLT Neuss : Szenen einer Ehe

Kay Neumann hat am RLT Edward Albees Drama „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ inszeniert. Konventionell und wenig mutig.

Der Dramatiker hatte eine klare Vorstellung davon, was Kunst ist. Wenn sie gut sei, hat der vor drei Jahren gestorbene Edward Albee mal gesagt, müsse sie auch nützlich sein. Eine Maxime, die sicherlich auf das vermutlich bekannteste Stück des Amerikaners zutrifft: „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ wird immer wieder gern an den Theatern gespielt (hat als Film mit Liz Taylor und Richard Burton eine legendenhafte Berühmtheit erreicht) – obwohl es doch schon Anfang der 1960er Jahre geschrieben wurde.

Noch ist die Welt leidlich in Ordnung bei Martha (Hergard Engert),  Nick (Tom Kramer) und Putzi (Nelly Pollit). Foto: MARCO PIECUCH

Ob Albee damit gerechnet hat, dass Regisseure, die das Stück rund 55 Jahre später inszenieren, ihre eigene Fassung erstellen? Zumindest kann man erwarten, dass die Geschichte einigermaßen heutig aufbereitet ist. Was allerdings dem Regisseur Kay Neumann, dessen Bearbeitung des Stücks  am RLT Premiere hatte, nur sehr begrenzt gelungen ist. Sein Ansatz, sich auf die Schauspieler zu verlassen, sie in den Mittelpunkt zu stellen, ist ihm bei Hergard Engert als Martha und Stefan Schleue als Marthas Ehemann George zweifellos gelungen – dafür hat er Nelly Politt als Putzi und Tom Kramer als deren Ehemann Nick allein gelassen.

Neumann spricht lieber von „Interpretation“ statt „Adaption“, schätzt sich selbst eher als konservativ im Sinne von stückebewahrend ein. Aber das reicht nicht, um zu erzählen, warum Albees Stück heute immer noch wichtig ist. Es ist nur bequem. Dabei geht es nicht darum, den beiden Hauptfiguren Martha und George, die sich gegenseitig übel fertigmachen, aber gleichzeitig auch immer wieder zeigen, dass keiner ohne den anderen sein kann, neue Anzüge überzustülpen.

Ohnehin brauchen Engert und Schleue das nicht, jeder von ihnen beherrscht die Bühne perfekt, ist mal kühl und arrogant, mal emotional versehrt, mal fies und gemein. Beide finden dafür nicht nur den jeweils richtigen Ton, sondern zeigen das auch im Spiel. Martha und George fetzen sich, was das Zeug hält, brüllen herum oder piken den anderen unablässig mit Nadelstichen. Aber: Sie sind „erprobt im gegenseitigen Quälen“, wie George feststellt, ihr Kampf ist kein Schaukampf, sondern längst lebensnotwendig.

Neumanns Konzentration auf die beiden Hauptfiguren ist nachvollziehbar und auch richtig – was aber nicht heißt, dass Putzi (im Original Honey) und Nick nur Beiwerk sein müssen. Natürlich ist sie naiv, aber so naiv, wie Politt in der albernen und zugleich extrem blassen Art an den Tag legen muss? Nein, denn das übertüncht nicht, sondern negiert das Zerbrechliche dieser Figur. Das gleiche gilt für Nick, den Tom Kramer als arroganten Biologen nicht wirklich in den Griff bekommt. Dabei sind es gerade diese beiden Figuren, die vom Regisseur viel stärker an die Hand genommen werden könnten, um sie als Gegenspieler des Ehepaars Martha und George ebenso zu markieren wie als deren Spielball. Dazu braucht es im Übrigen weder Bereitschaft noch den Ruf, ein Stück zu zerfleddern, aber auf jeden Fall einen mutigeren Zugriff auf das Drama, als Neumann ihn zeigt.

So bleibt die Inszenierung Durchschnittsware. Das zeigt sich auch in Bühne und Ausstattung von Kay Neumann. Das Ambiente ist typisch großbürgerlich: eine riesige Sitzlandschaft, ein Panoramafenster nach hinten,  ein sehr gut bestückte Bar, die im Laufe des Abends heftig frequentiert wird.

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