Neuss: Katharina Thalbach im Shakespeare-Glück

Neuss : Katharina Thalbach im Shakespeare-Glück

Die Berliner Regisseurin und Schauspielerin Katharina Thalbach stellt in einer bejubelten Lesung Gedichte an und auf Shakespeare vor. Sie ist zum ersten Mal im Neusser Globe und hätte es am liebsten eingepackt und mitgenommen.

Mag ja sein, dass sie als Regisseurin für ihr Team eine "entsetzliche Vormacherin" ist, wie sie selbst bekennt - ihr Publikum wird "entsetzlich" gegen "wunderbar" tauschen und diese Eigenart als sein großes Glück empfinden. Denn dieser Hang zum Vormachen, zum Zeigen, wie ein Schauspieler seine Rolle angehen soll, macht aus einer Lesung mit Katharina Thalbach eine Darstellung: Sie ist eben auch Schauspielerin durch und durch, erfüllt mit Gestik und Mimik, mit dem ganzen Körper sogar im Sitzen die Stimmen, die sie zitiert, mit Leben.

Wenn Thalbach - nein, die Thalbach - liest, besteht das Bühnenbild aus einem Tisch, einem Stuhl, einem Glas Wasser und (in diesem Fall) noch aus einer brennenden Kerze in einem edlen Halter. Mehr braucht es nicht. Den Rest besorgt sie. Die nur 1,54 große Person beherrscht die Bühne, obwohl ihr Körper halbwegs hinter dem Tisch verschwindet. Dafür braucht es nur diese Stimme, die gurrt, krächzt, wispert, jammert, ätzt, knurrt, alle Gemütslagen in den Raum trägt, die vorstellbar sind. Dabei liest sie nur Gedichte vor.

Von Theodor Fontane, Rainer Kirsch, Wladimir Nabokov oder Erich Kästner, aber alle sind sie an den einen Theaterautor gerichtet, von dem Katharina Thalbach sagt, "er ist mein Glück, mein Zuhause". An William Shakespeare, oder wenigstens beziehen sie sich auf seine Werke. Tobias Döring hat sie für das Buch "Wie ER uns gefällt" zusammengetragen.

Shakespeare - über ihn zu sprechen, entlockt der Thalbach erst mal ein "o Gott, wie schnell gerät man da an Plattitüden". Aber dann erzählt sie im Gespräch mit Shakespeare-Expertin Vanessa Schormann auch sehr berührend, wie sie ihn zu lieben begonnen hat. Bei Inszenierungen in der Übertragung von Thomas Brasch, dem 2001 gestorbenen Dichter und Lebensgefährten vor Katharina Thalbach, der für sie immer noch der beste Shakespeare-Übersetzer ist, "durfte "ich als Regisseurin beteiligt sein". Wie oft hat sie Shakespeare seitdem schon gespielt: " Die Julia habe ich verpasst. Das ist zwar schade, aber nicht schlimm." Wie oft hat sie ihn inszeniert: "Ich träume schon, dass ich die Telefonnummer von Buckingham (aus "Richard III.") habe."

Den Puck im "Sommernachtstraum" hat sie gerne gespielt, den "Kaufmann von Venedig" würde sie gerne wieder und als "Altersrolle" den "Lear" spielen, sagt die gerade 60 Jahre alt gewordene Berlinerin. Und nun ist sie in "seinem" Theater zu Gast. ImNeusser Globe, das sie am liebsten "kaufen und in meinem Garten aufstellen möchte".

Aber sie muss mit dem kurzzeitigen Bühnenerlebnis vorlieb nehmen. Gerne hätte sie die Bretter von unten hochfahrend betreten - "so aus der Hölle, aber die war schon besetzt" -, aber kommt halt doch wie üblich von hinten auf die Bühne. Schon der erste Text ist eine Steilvorlage für Thalbach: Fontanes Ballade "Die Brück' am Tay". Denn sie beginnt mit dem Treffen der drei Hexen aus "Macbeth", und die Künstlerin zieht stimmlich jedes Register, um die drei vor dem geistigen Auge lebendig werden zu lassen.

Von kleinen Erläuterungen zu den Vorträgen unterbrochen, die leider etwas akademisch steif (und nicht von Thalbach!) formuliert sind, geht es mit Lyrik und Texten aus allen Jahrhunderten seit Shakespeares Wirken weiter. Die Auswahl wurde ihr vom Herausgeber des Buches vorgelegt, und vielleicht hätte Katharina Thalbach aus dem Band mit 144 Gedichten und Texten selbst auch andere ausgewählt.

Aber zwei der vorgetragenen wären sicherlich dabei: Gerhard Rühms experimenteller Text "Ophelia und die Wörter" und Erich Kästners "Hamlets Geist". Beide sind eine Fest für Thalbachs ständigen Begleiter - den Schalk in ihrem Nacken.

(NGZ)
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