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Neuss: Kammerakademie macht Musik zum Erlebnis

Neuss : Kammerakademie macht Musik zum Erlebnis

"Spiele jeden Ton so, als ob es um dein Leben geht." Diesen Satz Friedrich Guldas muss Lisa Smirnova für sich verinnerlicht haben, denn was die russisch-österreichische Pianistin beim 1. Abo-Konzert der Deutschen Kammerakademie (dkn) bot, riss das Publikum im vollbesetzten Zeughaus zu Begeisterungsausbrüchen hin.

Die bereits bei ihrem Neusser Debüt vor drei Jahren in dieser Zeitung als "Megastar" gefeierte Pianistin spielte emotional intensiv, mal leidenschaftlich, dann wieder jäh aufbrausend und rustikal, vor allem aber – auch in ihrer Körpersprache – voller vitaler Lust. Ganz en passant nahm sie dabei das Neusser Publikum für drei zeitgenössische Werke ein. Da war zunächst "Eine kleine Daneliade" für Violine, Klavier und Streicher von Giya Kancheli. Der bekannteste lebende Komponist Georgiens hatte dieses witzige Stück im Jahre 2000 seinem Landsmann Georgi Daneliya gewidmet, für den er mehrfach Filmmusiken geschrieben hat.

Orchesterchef Lavard Skou-Larsen spielte die Solovioline auch in höchster Lage edel, im Klavier hämmern Märsche darein, die dkn hat zu humoresker Phrasierung auch die Aufgabe, mit dem Mund die Abschnitte zu gliedern. Das klappt sogar mit feinem Decrescendo. Durch die Reaktion des Publikums ergibt sich bei "Kju" und finalem "Ah" ein heiterer Dialog zwischen Orchester und Zuhörer. Der an der lettischen Musikakademie lehrende Georgs Pelecis mischt in einem eigenwilligen Stil die Folklore seines Heimatlandes mit Musik von Mittelalter bis Barock. Das führte im "Concertino bianco" für Klavier und Kammerorchester zu einem ästhetischen Minimalismus ganz unmittelbarer Wirkung.

Zum Herzerweichen gefühlvoll Lisa Smirnova im Mittelsatz. Ihre virtuose Kompetenz konnte sie hingegen in dem "Konzert für Klavier und Streichorchester" von Henryk Mikolaj Górecki ausspielen. Der im November 2010 gestorbene Komponist gehört mit seinem religiös geprägten Minimalismus zu den bedeutendsten Musikern nach 1945. Ein gregorianischer Choral im Streicher-Unisono wird durch gewaltig hämmernde Klavierläufe kontrastiert, die Exzessivität steigert sich im zweiten Satz zum Tiefenrausch mit hypnotischer Wirkung. Daneben klangen die das attraktive Programm umrahmenden Werke für Streicher von Igor Strawinsky sehr konventionell. Die "Drei Stücke" wurden von der dkn auch nicht sonderlich "excentrique" musiziert. Die Ballettmusik zu "Apollon musagète", wiederum mit Lavard Skou-Larsen an der Solovioline, konnte vor allem im zweiten Teil mit einer Reihe allegorischer Tänze begeistern. Die "Apotheose" im Largo e tranquillo verstrahlte gar mythologischen Glanz.

(NGZ)