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Neuss: Kammerakademie glänzte im Zeughaus

Neuss : Kammerakademie glänzte im Zeughaus

Wolfgang Amadeus Mozart hat es vermutlich nie gehört: sein einziges geistliches Oratorium "La Betulia liberata". 1771 von dem 15-Jährigen nach einer längeren Italienreise im Stil des neapolitanischen Oratoriums verfasst, wurde es zu seinen Lebzeiten nicht aufgeführt. Auch heute begegnet man dieser Komposition selten, 2010 gab es aber zum Salzburger Pfingsttreffen zwei aufsehenerregende Aufführungen.

Der Salzburger Hochschullehrer Lavard Skou-Larsen, seit fünf Jahren Chefdirigent der Deutschen Kammerakademie (dkn), hat nun mit der prächtigen Ouvertüre zu diesem Oratorium das dritte Abo-Konzert eröffnet und mit der höchst temperamentvollen Interpretation den meisten Besuchern im voll besetzten Zeughaus Lust auf mehr gemacht.

"Aufbrüche" stand im Programmheft, und das galt besonders der "Sinfonie Nr. 1 C-Dur" von van Beethoven. Die Instrumentierung klingt vertraut nach Mozart und Haydn, und doch markiert Beethoven fast revolutionär eine Wende zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Spätestens beim intimen Mittelsatz wusste Skou-Larsen, dass seine dkn einen Glanztag hatte: Das folgende "Menuett" machte er zu als feurig-schnellen Tanzsatz zu einem echten Beethoven-Scherzo, befreiende Kraft prägte den Schlusssatz.

Die dkn in der Besetzung des klassischen Sinfonieorchesters lieferte ein großartiges Format ab; das makellose Spiel provozierte begeisterten Applaus. Gleichwohl gab es ein mitreißendes Spektakel zwischen den "Klassikern": Das "Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 Es-Dur" schrieb Schostakowitsch für das Ausnahmetalent Mstislav Rostropowitsch. In Neuss gastierte der renommierte Salzburger Cellist Clemens Hagen. Auf seinem Stradivari-Instrument von 1698 wurde das Konzert zum Virtuosen-Hit, besonders die 150 Takte lange, oft mehrstimmige Solo- "Cadenza" sorgte für atemlose Anspannung im Publikum.

Der Solist konnte sich vollkommen auf das klangfarbige dkn-Fundament verlassen. Das führte zu wunderbaren Dialogen, etwa im zweiten Satz zwischen Violoncello und Waldhorn (Vorzüglich: Joost van der Elst), oder zu lyrischen Exkursionen mit der 1. Violine, die schließlich "himmlische" Klänge der Celesta, einem Stahlplattenklavier, überhöhen. Ein nicht mehr so intensives, dafür aber effektvolles Rondo-Finale erdete die Zuhörer wieder. Das aber beeinträchtigte die begeisterte Resonanz keineswegs.

(NGZ)