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Neuss: Käthchens Kampf um Friedrichs Liebe

Neuss : Käthchens Kampf um Friedrichs Liebe

Catharina Fillers hat am Rheinischen Landestheater Heinrich von Kleists Drama "Das Käthchen von Heilbronn" inszeniert. Beherzt und mutig hat sie das Werk aus Zeit und Raum geholt und auf Wesentliches reduziert.

Das Stück ist ein echtes Schwergewicht und wirkt auch wie aus der Zeit gefallen. Ein Mädchen, das wie nicht von dieser Welt einem Mann hinterher rennt, der es nicht will; Ritter, die ständig in Fehde geraten; eine schöne Freifrau, die sich als künstlicher Mensch entpuppt; ein Kaiser, der wie ein Deus ex machina das entscheidende Signal für das Happy End gibt; dazu "Bediente, Boten, Häscher, Knechte und Volk": Das 1810 in Wien uraufgeführte Stück "Das Käthchen von Heilbronn" ist Ritterschauspiel, Märchen und Liebesdrama in einem. Mit zig Personen und Schauplätzen bestückt, die eher an filmische denn bühnentaugliche Umsetzung denken lassen. Und mutet es heute nicht auch seltsam an, von einem Mädchen zu erzählen, dem im Traum von einem Engel der Mann des Lebens gezeigt wird? Den es dann in einem Grafen zu finden glaubt und dem es sodann in hündischer Ergebenheit überall hin folgt?

Die Geschichte vielleicht nicht, aber von Kleists wundervolle Sprache rechtfertigt es allemal, das Stück auf den heutigen Spielplan zu setzen. Und wenn man es so beherzt anpackt wie die Regisseurin Catharina Fillers jetzt am RLT, dann lohnt es sich auch. Sie konzentriert die Geschichte auf das sich in Liebe windende Käthchen, auf den widerspenstigen Graf Friedrich Wetter vom Strahl, Käthchens sorgenden Vater Theobald und die intrigante Kunigunde von Thurneck. Das übrige Personal hat Fillers auf die spielbestimmenden Figuren reduziert und auf drei weitere Spieler verteilt, die ansonsten eine zweite Ebene einziehen, indem sie wie Beobachter wirken.

Das funktioniert erstaunlich gut. Mit den drei in goldene Catsuits gewandeten Spielern Henning Strübbe, Richard Erben und Georg Strohbach, dem "Team Gold" eben, zeichnet Fillers Fissuren im Bild des Stücks, die seine Schwere und an vielen Stellen auch große Schwülstigkeit aufbrechen und jeden — auf der Bühne wie im Zuschauerraum — für einen manchmal nur winzigen Augenblick ins Hier und Jetzt holen. Und damit auch zu der Frage: Geht so was heute noch? Dieses Gefühl der unbedingten Liebe, die keine Fragen stellt und auf einem unerbittlichen, unerschütterlichen Glauben beruht, dass sie richtig ist?

Kleists Käthchen ist das verkörperte "Ja" darauf, und bei Emilia Haag wirkt es, als ob sie nur im Zustand dieser schmerzenden Liebe leben kann. Und so lässt die Inszenierung offen, ob das Ende auch ein glückliches ist. Auf des Grafen Frage "Willst du (mich heiraten)?" bleibt Käthchen die Antwort schuldig. Im Original sackt sie zusammen, zieht dann in die Kirche ein. Fillers lässt dagegen ein Störgeräusch über der Szene wabern, friert das Bild ein.

Obwohl Liebe und Glauben auch in ihrer Drangsal doch zutiefst menschlich sind, kann Haags Käthchen nicht wirklich berühren. Fast wirkt sie ähnlich künstlich wie die intrigante Kunigunde. Der aber verleiht Katharina Dalichau eine starke kühle Präsenz. Dass diese Figur wirklich künstlich ist, eine mosaische, wie Kleist sagt, aus menschlichen und technischen Teilen zusammengebaut — dafür findet Fillers ein zu schwaches Bild. Dalichau stakst in Mieder und Halskrause über die Bühne, angedockt an einem aus dem Nirgendwo kommenden Kabel. Mehr oder noch weniger — für eines von beiden hätte sich die Regisseurin entscheiden müssen. Ein ähnlich schwer erschließbares Bild ist ein vorheriges, das im Stück in einer Badegrotte spielt, wo Käthchen die wahre Natur von Kunigunde entdeckt. Auf der Bühne gibt es nur nasse Klamotten am langen Seil — wobei das nüchterne und stimmungsvolle Bühnenbild von Julia Rogge ansonsten eine kongeniale Ergänzung des Regiekonzepts ist.

Allemal ein Ereignis auf der Bühne sind Stefan Schleue als Friedrich und Michael Putschli als Käthchens Vater. Kraftvolle Menschen, in denen sich die Zerrissenheit jeweils dessen spiegelt, der liebt, ohne es zu wollen; der seine Liebe nicht verliert, auch wenn sie zurückgewiesen wird.

(NGZ/url)