Kabarett „Rathauskantine“ im TaS

Kabarett im Theater am Schlachthof Neuss : „Rathauskantine“ in der Findungsphase

„Wir experimentieren noch“, sagt Jens Spörckmann alias Archivar Alfred Sülheim am Ende der Premiere von „Rathauskantine“ Nummer 1 ohne Dennis Prang. Die erste Ausgabe stimmt zuversichtlich: Das beliebte Kabarettformat des Theaters am Schlachthof (TaS) wird seine neue Form finden.

Es kann nur einen geben: Dennis Prang als Hausmeister Jupp Schwaderath ist unersetzlich. Und Markus Andrae, der bei der „Rathauskantine“ im Theater am Schlachthof (TaS) Regie führt, war gut beraten, dies gar nicht erst zu versuchen. Statt dessen macht er aus der Not eine Tugend, aus der „Rathauskantine“ – inhaltlich wie auch beim Bühnenbild – eine Baustelle und nutzt die Gelegenheit für kleine Experimente. Ob die ankommen, dürfen die Zuschauer nicht nur per Applaus zeigen. Vielmehr werden sie ausdrücklich aufgefordert, den Machern ihre Meinung zu sagen, Kritik zu üben und Verbesserungsvorschläge zu machen. Interaktives Theater.

Vieles stimmt schon bei dieser neuen „Rathauskantine“, die wie versprochen für die zahlreichen Stammgäste wiedererkennbar war. Manches muss sich sicherlich erst noch finden. Doch das wird ganz sicher gelingen. Die Ideen scheinen den Autoren jedenfalls nicht auszugehen – für reichlich Themen sorgen dankenswerterweise schon die Neusser Lokalpolitik und das aktuelle Weltgeschehen. Gewohnt temporeich startete die „Rathauskantine“ dann auch mit einem Dialog zwischen der ehrgeizigen Ex-Controllerin und nunmehrigen Bürgermeister-Referentin Simone Strack (Stefanie Otten) und dem Archivar im vorgezogenen Ruhestand Alfred Sülheim (Jens Spörckmann). Neuss als ewige Baustelle, das „transparente“ Rathaus, sanierungsbedürftige Schultoiletten und Ermittlungen gegen den Neusser Bürgerschützenverein – das geht bei Otten und Spörckmann so schnell, dass man nur ja nicht zu lange lachen will, um nicht Gefahr zu laufen, die nächste Pointe zu verpassen. Eine schöne Ergänzung sind die beiden Marktfrauen (Stefanie Otten und Beate Heinze), die mit Mutterwitz und losem Mundwerk Klimawandel und Ernteausfälle, Entschädigung für Landwirte und Rettungsschirme für Banken kommentieren.

Im Mittelpunkt der Handlung steht aber ein chinesisches Investment-Angebot, auf das Simone Strack mit Begeisterung und Archivar Sülheim mit Entsetzen reagiert: China will das Ende der Seidenstraße bis zum Jahr 2067 nach Neuss verlegen, zu diesem Zweck das Rennbahngelände für 99 Jahre pachten und die Stadt im Gegenzug mit Geld überhäufen. Wie das Reich der Mitte auf Neuss aufmerksam wurde? Natürlich durch den Besuch des chinesischen Botschafters beim Schützenfest. „Männer paradieren durch eine Stadt, die mit Fahnen, Blumen und Frauen geschmückt ist und in der es nur eine Zeitung gibt – kein Wunder, dass ihm das gefallen hat“, bemerkt dazu Alfred Sülheim, der Unterhändlerin Lili Li (Beate Heinze) von Anfang an nicht recht traut. Daran ändern auch deutliche Annäherungsversuche der „Femme frontale“ nichts.

Ein ganz neues Element: eine Autorenlesung. So war der Neusser Johannes Schwelm zu Gast in der „Rathauskantine“, um aus seinem gerade erschienenen Buch „Meine hundert schlimmsten Auftritte“ vorzutragen. Kein Zweifel, dass amüsant ist, was Sonderpädagoge, Fotograf, Kabarettist und Autor Johannes Schwelm da trocken vorträgt. Dennoch: Bei der Premiere wirkte der Übergang etwas abrupt.

Gut gefiel der TV-Nachrichten-Block mit Barbara Binse (Stefanie Otten), Franz Floskel (ein Hingucker: die blonde Perücke von Jens Spörckmann) samt Einspielern und „Live-Schalten“ (Beate Heinze als Korrespondentin und Wetterfee). Auch die Gesangsnummern von Stefanie Otten (gesanglich und an der Gitarre begleitet von Markus Andrae) lockerten den Ablauf auf. Doch während sich die erste „Butterbrot“-Hymne noch sinnvoll in die Handlung einfügte, wirkte „Butterbrot“-Song Nummer 2 etwas aufgesetzt und sollte ganz offensichtlich für einen ganzen „Butterbrot“-Liederabend im Oktober werben.

Info Blücherstraße 31, 14. und 15. September, 3. Oktober, 02131 277499

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