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Jürgen Seidel liest in Neuss aus „Die Rettung einer ganzen Welt“

Lesung in Neuss : Jüdisches Schicksal zu einem Roman gemacht

Der lange in Neuss beheimatete Schriftsteller Jürgen Seidel lebt inzwischen in Königswinter und kommt nun für eine Lesung zurück.

Er kann nicht aufhören zu schreiben. „Niemals!“ antwortet Jürgen Seidel kategorisch auf die entsprechende Frage. Vor gut einem Jahr ist der Autor von Neuss nach Königswinter gezogen. Der Familie wegen, nachdem der Schwiegersohn in Bonn einen neuen Job bekommen hat und mitsamt Familie, zu der auch zwei Kinder gehören, umgezogen ist. Am Fuß des Drachenfels lebt das Ehepaar Seidel jetzt, und wenn die Enkel die Großeltern nicht fordern, gibt es ja noch das Fahrrad: Schon in Neuss war er gern mit dem Zweirad unterwegs.

Kurz nach dem Umzug ist auch das jüngste Buch Seidels erschienen: „Die Rettung einer ganzen Welt“. Nach langer Zeit wieder ein Roman, der nicht allein die angestammte Klientel des Schriftstellers, Kinder und Jugendliche, ansprechen will. „Jeder ab 16 Jahre kann es lesen“, betont er zwar, „aber gedacht ist als Buch für Erwachsene.“

Basis der Geschichte ist eine wahre Begebenheit. Der Roman erzählt von einer 73-Jährigen, die heute in New York lebt, aber ihre Kindheit in Berlin zur Zeit des Zweiten Weltkriegs erlebt hat. Dank der Hilfe eines arabischen Arztes hat die jüdische Familie Bellas überhaupt überlebt. Erinnerungen, auch an ihre erste große Liebe, und das Leben von heute verknüpft Seidel zu einem Plot, der auch eine „Geschichte vom Älterwerden“ erzählt, sagt er. Die Figuren, die Namen, die Rahmengeschichte seien frei erfunden, aber gleichwohl gibt oder gab es sie im wahren Leben: die gerettete Familie, die heute wirklich in New York lebt, den arabischen Arzt, der sie versteckt hat.

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Dr. Fareed hat Seidel ihn genannt, in der Realität hieß er Dr. Mohamed Helmy. 1901 als Kind ägyptischer Eltern in Khartoum geboren, ist er 1922 als Medizinstudent nach  Deutschland gekommen und ließ sich als Arzt in Berlin nieder. Als die Deportation der Berliner Juden begann, und die 21-jährige Anna Boros (nach dem Krieg „Gutman“), eine Freundin der Familie, ein Versteck brauchte, brachte Helmy sie zu einer Hütte, die er im Berliner Stadtteil Buch besaß. Helmy half auch Anna Gutmans Mutter Julie, ihrem Stiefvater Georg Wehr und ihrer Großmutter Cecilie Rudnik. Er versorgte sie und kümmerte sich um ihre medizinischen Bedürfnisse. So hält es die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem fest, wo Helmy 2013 „als bisher einziger Araber“, wie Seidel weiß, als „Gerechter unter den Völkern“ aufgenommen wurde. Nur die Übergabe der entsprechenden Medaille an die Nachkommen des Arztes sei bisher gescheitert, ergänzt der Schriftsteller.

Die Geschichte Helmys hatte Seidel vor längerer Zeit in einer Zeitung gelesen. Er war so beeindruckt, dass er sie zur Grundlage eines Romans machte. Überhaupt hat er in der weiteren Recherche festgestellt, dass „es so viele Juden gab, die versteckt wurden und dadurch überleben konnten“, sagt er. Bis nach Big Apple ist Seidel gefahren, hat mit der Tochter von „Bella“ geredet, allerdings sich in der Verarbeitung an seine Zusage gehalten, keine wiedererkennbaren Menschen zu erschaffen. „Ich habe ein Erinnerungsgebilde gebaut“, sagt er, wobei es ihm auch wichtig war, dieses mit einer Gegenwartsgeschichte zu verknüpfen.

Beide Teile will er auch in einer Lesung bei den Jüdischen Kulturtagen im Bücherhaus am Münster präsentieren. Dafür hat er sich schon Seiten über die Berliner Zeit des Kindes Bella und aus dem New York von heute ausgesucht.