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Neuss: Jüdische Schicksale erforschen

Neuss : Jüdische Schicksale erforschen

250 Schüler der Norfer Geschwister-Scholl-Schule haben sich im Unterricht und im Neusser Stadtarchiv mit dem Schicksal gleichaltriger Juden aus Neuss auseinandergesetzt. Ab Mittwoch sprechen sie mit einer Zeitzeugin.

Norf Geschichte greifbar machen, nicht über Schicksale irgendwelcher Menschen sprechen, die weit weg gelebt haben, sondern den jungen Leuten deutlich machen: "Hier ist es passiert. Vor deiner Haustür. Und der Betroffene war nicht älter als du." Das war und ist noch das Anliegen von Günter Simon.

Simon ist Religionslehrer an der Geschwister-Scholl-Schule. Während einer Lehrerfortbildung lernte er Zofia Lys kennen. Die 83-jährige Polin überlebte das Konzentrationslager Auschwitz. Schnell erklärte sie sich bereit, die Norfer Hauptschule zu besuchen, und dort mit den Schülern zu sprechen, ihre Frage zu beantworten. Am Dienstag kommt sie und wird bis zum 28. April bleiben. Ihrem Besuch gingen zwei intensive Projektmonate zum Thema "Nationalsozialismus und Menschenrechte" voraus. "Zum einen wollte ich, dass wir ein Schulprojekt ins Leben rufen, an dem möglichst viele Schüler teilnehmen können. Zum anderen sollte das Projekt fächerübergreifend sein und auch außerschulische Lernorte einbeziehen", informiert Günter Simon.

Viel vorgenommen hatte sich der Pädagoge. Doch das Scholl-Kollegium war begeistert, und ebenso Annekatrin Schaller vom Stadtarchiv. Auch für sie Neuland: Nicht mit einzelnen Klassen oder Kursen zu arbeiten, sondern gleich mit drei Jahrgangsstufen, nämlich den Stufen sieben bis zehn. "Es war von Anfang an klar, dass wir den Nationalsozialismus und seine Folgen den Schülern nur erfahrbar machen können, wenn wir sie emotional ansprechen", so Schaller.

"Der Geschichte ein Gesicht geben" stand im Vordergrund. Denn Gesichter anhand alter Fotografien lernten die 250 Jugendlichen im Archiv viele kennen. Sie suchten die Häuser zu diesen Gesichtern auf, lernten die Stolpersteine kennen.

Im Unterricht wurde das Thema in Geschichte, Politik, Religion/Ethik und Kunst intensiv behandelt. So besuchten die Jungen und Mädchen die Recklinghausener Kunsthalle und sahen eine Ausstellung über Menschenbilder der beiden Künstler Ludwig Meidner und Ernst Barlach, die im Dritten Reich als entartete Künstler diffamiert wurden. In ihrem Stil zeichneten die Schüler im Kunstunterricht daraufhin ebenfalls Menschen — solche, die unterdrückt und misshandelt wurden.

Dass Kinder und Jugendliche Geschichte besser begreifen, wenn sie "verortet" ist, dieser Ansicht ist auch der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Jens Metzdorf, den die Intensität, mit dem die Jugendlichen sich auf Spurensuche begaben, begeisterte. "Viele Schüler werden auch heute mit zum Bahnhof gehen, um unseren Gast Zofia Lys willkommen zu heißen. "Damit ihr wisst, wie es war, und damit ihr sorgt, dass so etwas nie wieder möglich wird", hatte die Polin den Schülern geschrieben.

(NGZ)