Neuss: Jubelstürme für "König Ödipus"

Neuss: Jubelstürme für "König Ödipus"

"Bildung im Vorbeigehn" ist das Konzept, das hinter Bodo Wartkes Version des Stücks "König Ödipus" von Sophokles steckt. Der Klavierkabarettist begeisterte mit seiner Fassung des Dramas das Publikum in der Stadthalle.

Der Klavierkabarettist Bodo Wartke war in der Stadthalle - und es hatte den Anschein, als sei ganz Nordrhein-Westfalen nach Neuss gekommen. Den Autokennzeichen her nach zu urteilen. Und doch war die Stadthalle nicht vollkommen besetzt. Bekannt für seine Klavierabende wie "Was, wenn doch?" oder "Klaviersdelikte" war der Künstler aus Berlin nun mit einem Solo-Theaterabend zu Gast.

"König Ödipus" ist frei nach dem antiken Drama von Sophokles neu gedichtet und natürlich auch mit seinen Songs besetzt. In der Sage wird Ödipus, der Sohn von Laios und Iokaste, wegen eines Orakelspruchs ausgesetzt, aber gerettet. Doch das Delphische Orakel trifft ein, er tötet, ohne es zu ahnen, seinen Vater, befreit Theben von der Sphinx, und erhält zum Lohn den Thron und die Königin, seine Mutter, zur Ehefrau.

Bodo Wartke bleibt fast genau in der Chronologie der Geschichte, dichtet über 1000 gereimte Verse neu, entwickelt den alten Sagenstoff zum modernen Krimi, und vor allem der Humor kommt voll zur Geltung. Man muss den antiken Stoff nicht kennen, um dem Verlauf folgen zu können. Wer die Geschichte aber kennt, kommt dank der virtuosen Sprache und des vielfältigen Wortwitzes doppelt auf seine Kosten.

Der Kabarettist leistet ein enormes Pensum: In 140 Minuten und elf Szenen schlüpft er blitzschnell in insgesamt 14 Rollen, oft nur durch Verrücken der Baseball-Cap, durch die lebhafte und ausgefeilte Mimik und Gestik aber immer eindeutig identifizierbar. Die Wortspielereien sind anspruchsvoll, gelegentlich aber auch salopp: "Iokaste, wat haste?" oder "Bist du nicht die Dings - die Sphinx?" Er befragt das erste Mal das Orakel in Delphi: "Yo - rakel! Ein mir nicht wohlgesinnter betrunkener Korinther, so'n alter Knacker, ein Korinthenkacker hat behauptet, dass ich völlig zu Unrecht geglaubt hätt, ich wäre meiner Eltern leibhaftiges Kind. Und da wollt ich halt mal fragen, ob das stimmt." Eine der köstlichsten Szenen ist die Auseinandersetzung mit der Sphinx vor den Toren Thebens. In schönster Bauchredner-Manier parliert Ödipus mit "Carl, dem Löwen" und löst das Rätsel.

Die Handpuppe Carl ist eine der wenigen Requisiten, eine intelligente Licht- und Tontechnik (Oliver Derks, Stefan Mayer, Florian Gretzler) gliedert die Szenen. Gelegentlich zitiert Bodo Wartke Sophokles im Original, dann hält er die entsprechende Reclam-Ausgabe hoch.

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Bei Sophokles spielt der Chor eine bedeutende Rolle für die Interpretation der Handlung. Diese Rolle übernimmt Bodo Wartke am Klavier mit sechs Songs, teilweise mit musikalischen Anspielungen an Stevie Wonder und Ray Charles. Als Theben von der Pest geplagt wird - "Mein König, uns droht der schwarze Tod" - spielt er wirkungsvoll auf der Mundharmonika Ennio Morricones Todesmelodie. Außer Klavier spielt Bodo Wartke auch Mundharmonika, Ukulele und "mit Boxhandschuhen".

Das komödiantische Spiel wechselt in der zweiten Hälfte zur Tragödie, in der Ödipus sein Schicksal erkennt, Iokaste sich erhängt, der König ins Exil geht. Aber auch da geht Bodo Wartkes Ideal, "Bildung im Vorbeigehn" authentisch, dabei in zeitgemäßer Sprache und mit humorvollem Augenzwinkern zu vermitteln, vollkommen auf. Sein "König Ödipus" reißt das Publikum mit, wahre Jubelstürme beenden den langen Abend.

Nadja aus Kaarst hat die Aufführung bereits zweimal gesehen. "Ich würde auch noch ein drittes Mal hingehen", sagt sie. Diese Anzahl hat Hans aus Mönchengladbach mit Neuss bereits erreicht.

Einen enormen Ansturm gab es auch nach der Vorstellung am professionell aufgebauten Mechandising-Stand des Kabarettisten.

Ab sofort gehört Neuss für Bodo Wartke "zu den schönsten Bühnen des Landes". In einer umfangreichen Zugabe gab er einen Einblick in weitere Programme, die er gerne hier realisieren würde.

(NGZ)