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Neuss: Jobcenter-Prozess: Schuldfähigkeit bestätigt

Neuss : Jobcenter-Prozess: Schuldfähigkeit bestätigt

Im Prozess um den Mord im Jobcenter an der Stresemannallee in Neuss muss der Angeklagte wohl endgültig mit der Höchststrafe rechnen: Auch der zweite Gutachter im Verfahren attestierte dem Familienvater aus Marokko die "volle Schuldfähigkeit".

Sollte die zuständige Strafkammer um Richter Rainer Drees den beiden Experten folgen, müsste Ahmed S. mit einer lebenslangen Haftstrafe rechnen.

"Zusammenfassend kann ich sagen, dass es beim Angeklagten keine Hinweise auf eine psychische Störung gibt", erklärte der zuständige Psychologe gestern zum Ende seines Gutachtens, "eine eingeschränkte oder gar aufgehobene Schuldfähigkeit liegt damit aus meiner Sicht nicht vor."

Damit kam der zweite Experte im Verfahren zum gleichen Urteil wie sein Psychiater-Kollege Sven Kutscher. Beide Sachverständige gehen davon aus, dass Ahmed S. zum Zeitpunkt der Tat genau wusste, was er tat. Dem 52-Jährigen ist nach Angaben des Psychologen mittlerweile auch klar, dass ein Missverständnis Motiv für die schreckliche Bluttat war. "Er hat mir gesagt, er hätte den allerschlimmsten Fehler begangen", so der Gutachter, "er hat Angst vor Gott wegen seiner Tat."

Durch seine Sprachschwierigkeiten und die Unterzeichnung einer Datenschutzerklärung sei das Missverständnis entstanden. Ahmed S. habe sich in den Glauben hineingesteigert, die Mitarbeiter der Behörde würden seine Daten und sein Foto zu Werbezwecken verkaufen. "Er hatte deshalb Angst um seine Ehre", so der Gutachter. Als ihm das spätere Opfer am Tattag erklärt habe, er hätte sich die Datenschutzerklärung besser durchlesen müssen, habe er seine Messer gezogen und zugestochen. Der Angeklagte selbst verfolgte die Ausführungen des Sachverständigen mit Tränen in den Augen.

Er hatte dem Experten auch von seiner Kindheit in Marokko und dem Umzug nach Deutschland berichtet. Demnach war Ahmed S. in einfachen Verhältnissen in dem nordafrikanischen Land aufgewachsen, eine Schule hat er nie besucht. Er sei leicht reizbar, aber gleichzeitig auch hilfsbereit und habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Angst habe er vor niemandem.

Am 2. April wird das Verfahren fortgesetzt. Sollte dann die Beweisaufnahme geschlossen werden, könnten Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung ihre Plädoyers halten. Mit dem Urteil wird am 4. April gerechnet.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Erster Tag im Neusser Jobcenter-Mord-Prozess

(mape)