Jazz-Sommernacht in Neuss

Jazz-Sommernacht in Neuss : Wenn Jazz auf Bossa Nova trifft

Bei der Neusser Jazz-Sommernacht im Kulturforum Alte Post loteten „Vogical“, „Kena´s Room“, „Playgorund“, das „Tobias Weindorf Trio“ und „Groovin`High“ die Möglichkeiten der Jazzmusik aus. Und das bei schönstem Wetter.

Dieses Jahr blieb es trocken. Am vergangenen Freitag beschien die Abendsonne den Platz vor der Alten Post. Die Menschen saßen entspannt vor zwei Bühnen auf Bänken und genossen die heimelige Atmosphäre vor dem Portal des Neusser Kulturforums. Er sei froh, dass das Quintett Kena’s Room den Mut habe, noch einmal zur Neusser Jazzsommernacht zu kommen, sagte der Gitarrist und Kurator dieser Jazznacht, Philipp van Endert, in seiner Begrüßungsmoderation. Denn vergangenes Jahr machte ein Gewittersturm mit heftigem Platzregen den Veranstaltern und eben auch Kena’s Room einen Strich durch die Rechnung: Die Open-Air-Konzerte wurden unterbrochen und dann ganz abgesagt.

Wie anders war es in diesem Jahr. Das Wetter hielt – und im Wechsel mit dem folkig rockigen, an Singer/Songwriter angelehnten Vocal-Jazz des Duos Vogical mit der Sängerin Eva Küppers und der Gitarristin Beate Thiele-Hecker präsentierte Kena Haas mit ihrer Band einen harmonisch fluffigen, rhythmisch pluckernden Latin-Jazz an der Schnittstelle von Samba, Bossa Nova und Música Popular Brasileira, bei dem die weiche Altstimme und das kühl kristalline Vibrafon eine stabile Achse bildeten.

Nach diesem eher leisen Auftakt vor der Alten Post ging es dann zupackender und lauter im Konzertsaal des Kulturforums weiter. Playground (auf Deutsch: „Spielplatz“) hat der gebürtige Neusser, seit langem in Köln lebende Markus Segschneider seine neue Band genannt. Der Gitarrist, der zuletzt mit seinem – nennen wir es: „Finger-Picking-Jazz“ auf der akustischen Stahlsaitengitarre für Furore sorgte, hat diesen nun unter Strom gesetzt und im Quartett seine Sicht auf den Jazz-Rock offengelegt. Beim Playground-Konzert war alles dabei, was diese Musikgattung beim Publikum so beliebt macht: im wieselflinken Tempo unisono gespielte Themen, rhythmisch komplexe Grooves, ungerade Metren und Taktwechsel, hochenergetische Chorusse der Solisten und ein von prägnanten Riffs begleitetes Schlagzeugsolo.

Aber die feinsinnige, so ausgewogene Klangarchitektur der vier Instrumentalisten trat immer dann deutlich zu Tage, wenn Segschneider die E-Gitarre aus der Hand legte und zum akustischen Instrument griff: Auf einmal war die Dynamik des Segschneider’schen Jazz-Rock differenzierter und auch nuancierter.

Er ist gar nicht der Namensgeber dieses Jazz-Piano-Trios. Doch waren es die zwischen expressivem Ausdruck und introspektiver Tiefgründigkeit changierenden Läufe des Bonner Kontrabassisten Gunnar Plümer, die den Modern Jazz des „Tobias Weindorf Trios“ zum Fliegen brachten. Nicht, dass der eine Generation jüngere Kölner Pianist Weindorf und der mit Plümer gleichaltrige Düsseldorfer Schlagzeuger Peter Weiss schlechtere Improvisatoren wären; ganz im Gegenteil. Aber erst die Kombination dieser drei grundverschiedenen Musikertypen ließen die Performance dieses Trios zum Erlebnis werden: die rhythmisch nonchalante Zurückhaltung des Düsseldorfers mit der ungewöhnlichen harmonischen Würze des Kölners und der warmen, dunkel holzigen Klangfarbe des Bonners. Konzise Jazzkunst.

Es war ein sehr geschickter Schachzug, Groovin’ High um den Düsseldorfer Saxofonisten Romano Schubert am Schluss der diesjährigen Neusser Jazzsommernacht zu bringen. Zum einen, weil mit Konstantin Wienstroer ein weiterer Neusser zu hören war, der mit seinen riffartigen, kraftvollen Grooves auf dem Bass die Improvisationsmusik dieses Sextetts zu erden wusste. Zum anderen, weil Schubert und seine Musiker historische Jazzgattungen wie Soul-Jazz, Hardbop und frühen Jazz-Rock entrümpelten: eloquent phrasiert, stilistisch gegen den Strich gebürstet, gleichermaßen respektvoll retrospektiv wie bilderstürmerisch modern. Chapeau!

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