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Neuss: Jaqueline fasst neuen Mut

Neuss : Jaqueline fasst neuen Mut

Neuss Jaqueline blickt noch etwas ängstlich. Das zwölfjährige Mädchen aus dem brasilianischen Dorf Guajará hat in den vergangenen vier Wochen viel erlebt: ein unbekanntes Land, drei Operationen und viele fremde Menschen. Die Erinnerungen an diese Zeit dürften bald verblassen. Was bleibt, ist die große Hilfe, die das brasilianische Mädchen im Lukaskrankenhaus unentgeltlich bekommen hat. Denn bald kann Jaqueline wieder, was ihr jahrelang nicht möglich war: ihre Arme uneingeschränkt bewegen.

Neuss Jaqueline blickt noch etwas ängstlich. Das zwölfjährige Mädchen aus dem brasilianischen Dorf Guajará hat in den vergangenen vier Wochen viel erlebt: ein unbekanntes Land, drei Operationen und viele fremde Menschen. Die Erinnerungen an diese Zeit dürften bald verblassen. Was bleibt, ist die große Hilfe, die das brasilianische Mädchen im Lukaskrankenhaus unentgeltlich bekommen hat. Denn bald kann Jaqueline wieder, was ihr jahrelang nicht möglich war: ihre Arme uneingeschränkt bewegen.

Jaqueline bekommt nach den Operationen nun täglich Krankengymnastik , damit sie ihre Arme bald wieder normal bewegen kann. Ihre Mutter (2. v. r.) und Dr. Lothar Biskup überzeugen sich von den Fortschritten der Therapie. A. Woitschützke Foto: NGZ

Doch zum Anfang: Mit sechs Jahren spielte Jaqueline aus Unwissenheit am offenen Feuer mit Alkohol. Durch eine Stichflamme entzündete sich das Oberteil des Mädchens. Das schnelle Eingreifen der Familie konnte nicht verhindern, dass das Kind schwere Verbrennungen an beiden Armen, Händen und am Oberkörper erlitt. Durch die Vernarbung war ein Heben des rechten Arms genauso unmöglich, wie das Beugen des linken Arms.

Dieses schlimme Schicksal hat Dr. Lothar Biskup, ehemaliger Chefarzt der Kinderklinik am Lukaskrankenhaus, und Dr. Honke Hermichen, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, nicht ruhen lassen. Vor einem Monat holten sie das Mädchen mit seiner Mutter nach Neuss.

Seitdem ist viel passiert: Jaqueline wurde operiert, um die Beweglichkeit der Arme zu verbessern. Zusätzlich wurde eine chronische Mittelohrentzündung behandelt. Das Besondere daran: Mutter und Tochter mussten für die Behandlung und die Reise nach Deutschland keinen Cent bezahlen. Das könnte die Familie auch gar nicht. Sie hat neben Jaqueline noch vier Kinder. Zusammen lebt die Familie mit einer Verwandten in einer Holzhütte, die erst seit kurzem über Strom verfügt. Eine Waschmaschine, einen Geschirrspüler oder einen elektrischen Herd kennen sie nicht. Es wird alles per Hand gemacht. Gekocht wird auf offener Flamme.

Ein Bild von den ärmlichen Verhältnissen hat sich Dr. Lothar Biskup bei Besuchen machen können. Der Ort liegt in der brasilianischen Diözese Cruzeiro do Sul, wo ein Freund des Ehepaares Biskup, der Knechtstedener Spiritanerpater Dr. Herbert Douteil, schon seit Jahrzehnten wirkt. "Er hat 2004 ein Projekt für behinderte Kinder gegründet, von dem ich sofort begeistert war", erzählt Biskup. Im Rahmen dieses Projektes, das die NGZ-Leser bei der Spendenaktion "Herzenssache" 2005 großzügig unterstützt haben, hat der Neusser Arzt in der Vergangenheit schon viele betroffene Kinder und Jugendliche systematisch erfasst und behandelt.

Vor drei Jahren lernte er Jaqueline kennen. Biskups Diagnose: Nur eine Operation könnte dem Mädchen helfen, die Arme wieder normal zu bewegen. Doch dafür fehlten den Eltern Mittel und Möglichkeiten.

Anfang 2007 kam die Wende: Biskup referierte vor dem Lions Club Neuss-Quirinus, in dem Dr. Honke Hermichen Mitglied ist. Er sah die Videoaufnahmen von Jaqueline und fasste spontan den Entschluss, dem Mädchen zu helfen. "Mir ist im Leben viel Gutes widerfahren, ein Stück davon versuche ich immer wieder, an Bedürftige weiterzugeben", sagt der Mediziner, der sich sofort dafür einsetzte, die junge Brasilianerin kostenlos operieren zu können. Zusammen mit Dr. Biskup und der pensionierten Neusser Kinderärztin Dr. Renate Franzen, die Spenden für den Flug nach Deutschland sammelte, konnte das Projekt "Jaqueline" starten. Am 23. August kamen Mutter und Tochter nach Neuss ins Lukaskrankenhaus.

Mittlerweile hat Jaqueline große Fortschritte gemacht. Sie kann den linken Arm beugen und den rechten täglich etwas höher heben. Damit sie ihre Arme wieder uneingeschränkt bewegen kann, muss sie täglich mit Krankengymnasten üben. Trotz aller Strapazen überwiegt Erleichterung: "Die Mutter ist sehr glücklich und zufrieden, dass sie diese einmalige Gelegenheit bekommen hat", übersetzt Biskup, der durch seine Brasilien-Besuche mittlerweile über einen beachtlichen Portugiesisch-Wortschatz verfügt. Noch bis zum 15. Oktober wird Jaqueline im Lukaskrankenhaus behandelt. Danach muss sie in Brasilien weiterüben.

(NGZ)