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Neuss: Jahreswechsel auf der Durchreise

Neuss : Jahreswechsel auf der Durchreise

51 Wochen im Jahr sind die Angehörigen der Familie Lauter auf unterschiedlichen Schiffen unterwegs, doch über den Jahreswechsel machen die belgischen Binnenschiffer gemeinsam für ein paar Tage im Neusser Hafen fest. Silvester feiern sie an Bord – dann trennen sich wieder die Wege.

51 Wochen im Jahr sind die Angehörigen der Familie Lauter auf unterschiedlichen Schiffen unterwegs, doch über den Jahreswechsel machen die belgischen Binnenschiffer gemeinsam für ein paar Tage im Neusser Hafen fest. Silvester feiern sie an Bord — dann trennen sich wieder die Wege.

Sie heißen alle Lauter, und ihr Heimathafen ist Antwerpen. Doch den Jahreswechsel verbringen die belgischen Binnenschiffer traditionell in Neuss. Dann machen Vater Christophe und seine Kinder die Schiffsdiesel aus und ihre inzwischen drei Frachter der Familienflotte im Hafenbecken V nebeneinander fest.

Von Weihnachten bis Neujahr bleibt die Familie zusammen und gönnt sich nach 51 Wochen auf der Reise ein paar Tage der Ruhe. Und weil die Lauters Stammgäste sind, und weil ihr Treffen auch dem Familienzusammenhalt dient, verzichten die Neuss-Düsseldorfer Häfen für diese Tage auf das Liegegeld.

Dass die Wahl auf Neuss fiel, hatte ganz praktische Gründe. In Antwerpen, berichtet Kris Lauter, wäre ein prachtvolles Silvesterfeuerwerk zu erwarten. "Das wird von einem Ponton auf der Schelde aus abgefeuert, und die Menschen kommen aus der ganzen Gegend dorthin", sagt er — während sie im Neusser Hafen auf einer Kaimauer für ihr eigenes kleines Feuerwerk selbst sorgen müssen. Aber in Neuss sammeln sich die Lauter-Boote unterhalb der Firma Knauf, denn die ganze Familie "macht" inzwischen in Gips. Das gab den Ausschlag.

Treffpunkt der Familie am Weihnachtsabend war die Kajüte der Sonia, einem knapp 86 Meter langen Siloschiff — dem größten der Flotte. Dort ist am meisten Platz. Aber die Besatzungen der anderen Schiffe müssen zum Festmenü jeweils einen Gang aus eigener Kombüse beisteuern.

"Damit nicht einer alleine den ganzen Weihnachtsstress hat", berichtet Sara Lauter. Auf welchem Schiff die Familie den Jahreswechsel feiert, ist noch nicht abgemacht. Denn heute ist die Runde kleiner, weil Vater Christophe und Ehefrau Sonia von Bord gegangen und nach Antwerpen gefahren sind. Landgang bis Montag — dann löst sich der Verband auf, und die Schiffe gehen wieder auf Fahrt.

Für den ganzen Clan ist das Schiff Heimat. In der 20. Generation, so weist eine dicke Chronik an Bord aus, ist die Familie auf Flüssen und Kanälen unterwegs. Ursprünglich stammen Lauters von der Mosel, waren danach Luxemburger und sind jetzt in fünfter Generation Belgier. Aber vor allem sind sie Binnenschiffer. "Das ist für mich kein Beruf, das ist eine Lebenseinstellung", sagt Kris Lauter — und Schwester Sara nickt. "Wir fahren auch nicht zur Arbeit, wenn wir zum Schiff fahren, sondern nach Hause."

Als Familien an Bord sind die Lauters eine selten werdende "Sorte". Auf anderen Schiffen fahren Besatzungen — darunter auch Eigner — im Schichtdienst und verbringen ihre Freischichten an Land, in den eigenen vier Wänden, wo Frau und Kinder auf sie warten. Lauters haben da noch ein eigenes Selbstverständnis. Und dazu gehört auch, dass die schulpflichtigen Kinder in einem Internat bei Antwerpen unterrichtet werden und jedes Wochenende wieder an Bord geholt werden, egal wo das gerade ist.

So hat es José Lauter erlebt, der heute mit Frau und zwei Kindern auf der "Serenitas junior" fährt, so kennen es seine Brüder Kris und Carl, gemeinsame Eigner der "Sonia", so wuchs auch Sara Lauter auf, die als jüngste Tochter auf dem elterlichen Schiff "Serenitas" blieb und das irgendwann vom Vater übernehmen wird, wenn der mal in Rente geht.

Am Montag werden sie alle wieder Ladung nehmen. Die Sonia Gips für ein Regipsplatten-Werk im belgischen Waregem, die beiden Serenitas Roh-Gips aus Kraftwerk-Entschwefelungsanlagen mit Bestimmungsort Neuss. Dass sie schon heute mal kurz die Leinen los machen und zum Feuerwerk auf den Rhein fahren, ist unvorstellbar. "Gefahren wird nur zum Geldverdienen", sagt Carl Lauter. Auch ist Teil der Familientradition.

(NGZ)