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Neuss: Irmgard Feldhaus - ein Vorbild

Neuss : Irmgard Feldhaus - ein Vorbild

Gastbeitrag: Der Kulturstaatssekretär a.D., Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, hat gestern Abend im Clemens-Sels-Museum die Ausstellung "Von Ensor bis Matisse – Hommage an Irmgard Feldhaus eröffnet. Im folgenden seine Rede mit dem Titel "Welch ein gelungenes Leben!" in Auszügen.

Gastbeitrag: Der Kulturstaatssekretär a.D., Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, hat gestern Abend im Clemens-Sels-Museum die Ausstellung "Von Ensor bis Matisse — Hommage an Irmgard Feldhaus eröffnet. Im folgenden seine Rede mit dem Titel "Welch ein gelungenes Leben!" in Auszügen.

Angesichts des Todes von Irmgard Feldhaus — seit den 1980er Jahren von einigen jungen Mitstreitern im Neusser Kulturdezernat ebenso respekt- wie liebevoll "Dottoressa" genannt — und auch jetzt wieder angesichts ihres der Öffentlichkeit vorgestellten Vermächtnisses an "ihr" Clemens-Sels-Museum geht dem Verfasser, der Irmgard Feldhaus vor rund 50 Jahren als kleiner Schuljunge kennengelernt hat, ihre Arbeit viele Jahre begleiten durfte und sie zu dem (!) Vorbild und Idol seines Lebens erkor, ein Gedanke nicht aus dem Sinn: Dass man als Summe ihres Lebens die Feststellung treffen darf, dass es gelungener und vollendeter nicht denkbar ist.

Aus den reichen Gaben, die ihr mitgegeben waren, hat sie das Beste gemacht, was sich denken lässt! Gewiss, wenn sie gewollt hätte, hätte sie vielleicht auch an den größten Museen der Republik Karriere machen können. Aber hätte das ihrem Wesen und ihren Gaben entsprochen? Streben nach Ämtern, Karriere und Macht war ihre Sache nicht, und doch hat sie aus dem relativ Kleinen, das ihr mit den Resten des kriegszerstörten Museums an die Hand gegeben war, etwas Großes geschaffen. Und scheinbar wie von selbst wuchs ihr dabei auch die Macht zu, in die Tat umzusetzen, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hatte. Sie hat sich beschieden, und gerade daraus ihre Größe bezogen.

So vermochte sie spielend die scheinbare Spannung zwischen ihrem ererbten und stets praktizierten, freilich rheinisch geprägten Katholizismus und der Kunst der Moderne nicht nur auszuhalten, sondern sogar in fruchtbarer, dialektischer Weise aufzulösen und einer Synthese zuzuführen. Dabei half ihr ein blitzgescheiter Mutterwitz und ihr Sinn für eine feine, nie in Zynismus umschlagende Ironie — beides beste Voraussetzungen für differenzierendes und dialektisches Denken. Auf diese Weise war sie in der Lage, Neusser Traditionen und Eigenarten auf das Lebhafteste zu bejahen und zugleich auch wieder darüber zu stehen, weil sie wusste, dass diese zwar wichtig sind, aber auch nicht absolut gesetzt werden dürfen, vielmehr zu relativieren und fortzuentwickeln sind.

Alles hing zusammen

Der beste Beleg für diese Eigenarten und ihre Haltung ist "ihr" Clemens-Sels-Museum und ihre Art zu sammeln, sei es für das Museum, sei es für sich privat (was, wie wir spätestens jetzt wissen, letztlich synonym war): Zeugnisse römischer, mittelalterlicher und neuzeitlicher Stadtgeschichte stehen dort gleichberechtigt neben Gebrauchsgegenständen wie Spielzeug und Kunsthandwerk, populäre Druckgrafik und Volkskunst neben Naiver Kunst und "reiner" Kunst alles hing eben für sie mit allem zusammen.

Was die "reine" Kunst anbelangt, so hat das Interesse von Irmgard Feldhaus für die Präraffaeliten gewiss etwas mit ihrer Herkunft aus dem katholischen Bürgertum, aber auch mit ihrem generellen Bedürfnis zu tun, gerade das, was damals in Neusser Bürgerhäusern zuhauf im wahrsten Sinne des Wortes auf den "Müllhaufen der Geschichte" geworfen wurde, zu retten und kommenden Generationen zu überliefern. Keines der symbolistischen Werke möchte man missen, wie denn überhaupt der Symbolistensaal für den Verfasser unübertrieben einer der schönsten Museumssäle der Welt ist: Es gibt fast keinen stimmigeren und in sich geschlosseneren — und doch sich öffnenden Raum zu all' den anderen Kunstwerken im Hause, etwa zu den Rheinischen Expressionisten oder zum Bretterwald von Max Ernst und vielen anderen mehr.

Nie Lärm gemacht

Mut und Weitsicht hat Irmgard Feldhaus auch mit dem Aufbau der bedeutenden Sammlung Naiver Kunst bewiesen: Mut, weil sie damit absolut gegen den Strom der Zeit schwamm und kaum ernst genommen, ja belächelt wurde; Weitsicht, weil zeitversetzt zu den Symbolisten oder zum Beispiel derzeit der Art Brut auch hierfür die Zeit kommen wird, in der die Bedeutung dieser Sammlung wiedererkannt wird ... Ein Schluss- und Höhepunkt ihrer Sammelleidenschaft war vor allem in den letzten drei Jahrzehnten der Aufbau ihrer einzigartigen Privatsammlung an Populärer Druckgrafik: Zu einer Zeit, als uns allen die Bedeutung massenhaft hergestellter Bilder und Zeichen noch nicht bewusst war, hatte sie wieder einmal "die Zeichen der Zeit" längst erkannt und in aller Stille und Bescheidenheit ("Wissen Sie, ich sammele da so Bildchen ...") mit einer Intensität und Qualität zu sammeln begonnen, die uns allen erst offenbar wurde, als sie diese Sammlung dem Museum für eine Dependance im Kulturraum Insel Hombroich schenkte.

Weisheit und Lebensklugheit darf denn am Ende als Überschrift über ihrem Leben stehen — ganz gemäß ihren beiden Lebensprinzipien "Was wächst, macht keinen Lärm" und "Ein Punkt, den man künstlich aufbläst, gibt 'ne Null"! Irmgard Feldhaus hat nie Lärm gemacht, dafür aber ist der kleine Punkt der Neusser Museumssammlungen von 1945 zu einem prall gefüllten, hell strahlenden Stern am europäischen Museumshimmel geworden. Dafür schulden wir ihr auf immer Anerkennung und Dank — wohl wissend, dass sie hierzu wieder sagen würde "Oh watt — statt große Worte zu machen, saniert und erweitert mal lieber das Museum!" Und in der Tat wäre dies die beste Anerkennung und der beste Dank für Irmgard Feldhaus!

(NGZ)