Ionescos „Macbett“ vom Theatr Papahema beim Shakespeare-Festival Neuss

Shakespeare-Festival in Neuss : Ionescos Macbett spielt Golf

Ionescos Adaption „Macbett“ hat das Theatr Papahema inszeniert und im Globe gezeigt.

Lady Macbeth ist eine Hexe, das weiß jeder. Man sagt es nur nicht so oft, weil in Shakespeares Drama ja auch richtige Hexen auftauchen. Gleich in der ersten Szene treffen sich drei von ihnen, bei Donner und Blitz, und verabreden sich für das nächste Mal, „wenn das Tohuwabohu vollbracht, wenn verlorn und gewonnen die Schlacht.“ Beim Auseinandergehen „durch stinkige Luft und neblige Nacht“ heißt es dann noch: „Fair is foul and foul is fair!“, also „Recht ist schlecht, und schlecht ist recht.“

Eine ideale Vorlage für Eugene Ionesco, einen der Hauptvertreter des Absurden Theaters. Er machte 1972 aus dem Shakespeare-Stück eine tragische Farce: „Macbett“. Als Gastspiel des polnischen Theaters „Papahema“ war sie jetzt im Neusser Globe zu sehen.

Es treten auf: Macbeth, Banquo, Duncan und die Hexen. Bei Ionesco ist Lady Macbeth tatsächlich eine der Hexen, die sich später in Lady Duncan verwandelt. Und Regisseur Mateusz Przyłecki versetzt die Handlung auf einen Golfplatz. Zu Beginn bringt ein weiblicher Caddy zwei gelbe Liegestühle auf die Bühne, vor einen grünen, mit Stufen ausgestatteten Hügel. Zwei junge Männer nehmen Platz und vergnügen sich mit einem Handpuppenspiel. Ihre lebhaften weißen Handschuhe besprechen vorab das ganze absurde Drama, was dann folgt. Beim gegenseitigen Totschlagen ersetzen sie die Kasparle-Klatsche durch putzige kleine Golfschläger. Später erlebt man das Ganze noch einmal in Großformat.

Das „Tohuwabohu“ aus Shakespeares Hexenszene ist bei den polnischen Darstellern eine ideenreiche Abfolge von kleinen und größeren Intrigen, Verführungsposen, Hügel-Sex, Schlachtengetümmel mit „After-Battle-Grillparty“. Dabei dient das Fleisch der frisch Getöteten als Leckerbissen. „Duncan, du hast mir Hinrichtung versprochen“, nörgelt die gewalt-lüsterne Lady, als einer der Heerführer es vorzieht, sich dem Geköpft-werden durch Flucht zu entziehen. Banquo und Macbett zeigen sich mal als intrigierende Gefährten, mal als erbitterte Gegner.

Bei den Kampfszenen der Beiden dient die obere Hälfte von Zierbäumen als Schutzhelm. Die Mordbuben und ihre weibliche Antreiberin feiern ihr monströses Tun mit monströsen Ausmaßen: Haifischflossensuppe und „ein Riesenomelett aus 130 000 Eiern. Jan Kott, der berühmte Shakespeare-Kenner und Landsmann der polnischen Truppe, schrieb vor 50 Jahren: „Die Geschichte in ‚Macbeth‘ ist undurchsichtig wie ein Alptraum, in dem alle versinken. Man betätigt den Mechanismus, später wird man von ihm zermalmt. Man watet durch einen Alptraum, der bis an die Kehle steigt.“ Weiter heißt es: „Eine Macbeth-Inszenierung, die auf das Bild einer blutüberströmten Welt verzichtet, wird immer verfälscht sein.“

Jan Kotts Interpretation könnte man auch auf Ionescos Farce anwenden. In diesem Sinn ist die „Papahema“-Inszenierung faszinierend und stimmig. Indes: die Golfplatz-Szenerie entwickelt keine eigene Aussage, bleibt Andeutung. Ein Handicap also für das 80-minütige Spiel. Hinzu kommt die Textlastigkeit in polnischer Sprache, die dem Spiel trotz deutscher Übertitel passagenweise die Spannung nimmt.

Ionescos Vorbild im Theater des Absurden war der französische Schriftsteller Alfred Jarry. Der hatte 1895 ein Skandalstück mit dem Titel „Ubu Roi geschrieben“. Den wunderbaren Theaterleuten von „Papahema“ mag es gefallen haben, dass dieser Ubu dekoriert mit dem Orden des Roten Drachen von Polen auftrat und später sogar König des Landes wurde.

Langer Beifall bei nicht auserkauftem Haus an der Rennbahn.

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