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Neuss: Internationalisierung ist Trumpf

Neuss : Internationalisierung ist Trumpf

Neuss/Livorno Von Jahr zu Jahr stellen sich die Neusser Automobilzulieferer Pierburg und Pierburg Pump Technology (PPT) globaler auf: Werke an neuen Standorten rund um den Globus und geplante Investitionen in Ländern, in denen die Unternehmen, die zur Kolbenschmidt-Pierburg-Gruppe und damit zu Rheinmetall gehören, bereits seit längerem vertreten sind, machen den Kurs deutlich.

Neuss/Livorno Von Jahr zu Jahr stellen sich die Neusser Automobilzulieferer Pierburg und Pierburg Pump Technology (PPT) globaler auf: Werke an neuen Standorten rund um den Globus und geplante Investitionen in Ländern, in denen die Unternehmen, die zur Kolbenschmidt-Pierburg-Gruppe und damit zu Rheinmetall gehören, bereits seit längerem vertreten sind, machen den Kurs deutlich.

Dr. Gerd Kleinert ist Vorstandsvorsitzender der Kolbenschmidt Pierburg AG. Foto: woi

Und der lässt sich am einfachsten mit einem Wort beschreiben: Internationalisierung.

Neben Indien sollen neue Pierburg- und PPT-Kapazitäten noch im laufenden Jahr unter anderem auch in Mexiko geschaffen werden.

Die beiden Geschäftsbereiche mit Stammsitz in Neuss verfügen weltweit zusammen über 3300 Mitarbeiter und kommen mit dem Verkauf von Produkten zur Luftversorgung und Schadstoffreduzierung von Motoren, von Magnetventilen sowie Öl-, Wasser- und Vakuumpumpen gemeinsam auf einen Jahresumsatz von rund 960 Millionen Euro.

Für den ebenfalls zum Konzern gehörende Geschäftsbereich Kolbenschmidt kündigte der Chef der Gruppe, Dr. Gerd Kleinert, bei einer Pressekonferenz in Livorno/Italien den Aufbau einer neuen Produktionsanlage in Rumänien an, in der Motorblöcke und Zylinderköpfe gegossen werden sollen. Bereits in der ersten Ausbaustufe werden dort 400 Menschen Arbeit finden.

Internationales Wachstum mit Siebenmeilenstiefeln - da stellt sich die Frage nach den Konsequenzen für den Standort Deutschland, in der Region konkreter auch nach der Zukunft der Werke in Neuss und Nettetal.

Bei der Präsentation seiner Wachstumsstrategie beim Besuch des PPT-Werks in Livorno ließ der Vorstandsvorsitzende der Kolbenschmidt Pierburg AG keinen Zweifel daran, dass Deutschland nicht gerade zu den Ländern gehört, in denen mit Expansion zu rechnen ist: "Noch sind wir auch in Deutschland stark, aber wir sind nicht die einzigen in der Industrie, bei denen die Beschäftigtenzahl in den Hochlohnländern eher sinkt als steigt."

Der Trend der vergangenen Jahre setzt sich ungebremst fort: Neue Werke werden in Ländern mit geringen Lohnkosten aufgebaut - und zwar möglichst in solchen, in denen mit einem raschen Anstieg des Lebensstandards und einem entsprechend schnell wachsenden Markt für Automobile zu rechnen ist.

Beispiele sind vor allem die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China), aber auch Tschechien, die Türkei oder Mexiko. Zwar sieht Kleinert Standorte wie Neuss - dort gilt noch eine Vereinbarung zur Beschäftigungssicherung, deren Laufzeit jüngst von 2010 bis 2013 verlängert wurde - nicht akut bedroht, bei unveränderten oder sogar noch verschlechterten Rahmenbedingungen für die Industrie seien Fragezeichen in Sachen Zukunftsfähigkeit jedoch angebracht.

Ein Beispiel: Im Bundesfinanzministerium wird über die so genannte Besteuerung von Funktionsverlagerungen ins Ausland nachgedacht. Die Problematik aus Sicht der Industrie: Ein Autozulieferer, der in vielen Fällen keine andere Wahl habe, als einem großen Autohersteller nach China zu folgen, wenn er diesen weiter beliefern möchte, müsste nach den Plänen aus Berlin vorab eine Steuer auf fiktive künftige Gewinne in China an den deutschen Fiskus zahlen.

Wenn der Zulieferer stattdessen seine Maschinen an eine chinesische Firma verkaufen und deren Mitarbeiter anlernen würde, wäre keine Funktionsverlagerungssteuer fällig.

Kleinert kann das Steuerkonzept ebenso wenig nachvollziehen wie Industrieverbände, die sich bereits an die Abgeordneten des Bundestages und in einem offenen Brief auch an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt haben: "Wenn das so kommt wie angekündigt, können Sie den Standort Deutschland in vielen Bereichen vergessen."

Das erklärte Ziel, auf diese Weise Arbeitsplätze im Inland zu erhalten, lasse sich vielleicht zwei oder drei Jahre erreichen. Danach aber drohe eine Abwanderung von Unternehmen - und zwar auch solchen, die vielleicht ursprünglich gar nicht vorhatten, Deutschland den Rücken zu kehren, sondern nur ein erfolgreiches Produkt zusätzlich auch im Ausland produzieren wollten.

Werde eine solche Produktion jedoch doppelt besteuert, vorab in Deutschland und auch noch am Produktionsstandort im Ausland, entstehe ein betriebswirtschaftlich unhaltbarer Zustand. "Damit rettet man bestimmt keine Arbeitsplätze", so Kleinert.

Im Gegenteil: Dann drohten in Deutschland nicht nur Produktion, sondern auch Forschung und Entwicklung verloren zu gehen, denn auch dafür könnte Funktionsverlagerungssteuer erhoben werden. Bislang haben die Gespräche mit der Politik nicht gefruchtet, Kleinert hat aber die Hoffnung auf "vernünftige Lösungen" noch nicht aufgegeben.

(NGZ)