Innovation im Rhein-Kreis Neuss Innovationstreiber im Wasserstoff-Sektor

Rhein-Kreis · Die Produkte der in Neuss ansässigen Neoxid Group sind weltweit gefragt. Geschäftsführer Dieter Ostermann hat die Wasserstoff-Zukunft im Blick.

Mit ihrem Unternehmen sind die Wasserstoff-Experten Sandra und Dieter Ostermann auf Expansionskurs. 
  Foto: Neo Hydrogen Sensors GmbH

Mit ihrem Unternehmen sind die Wasserstoff-Experten Sandra und Dieter Ostermann auf Expansionskurs. Foto: Neo Hydrogen Sensors GmbH

Foto: neo hydrogen sensors

Die Zukunft hat eine Adresse: Im Taubental 62. Dort möchte die Neoxid Group ihren neuen Firmensitz eröffnen – und damit innerhalb von Neuss umziehen. Aber es ist nicht nur die eigene Zukunft, die das Unternehmen gestaltet. Die Neoxid Group entwickelt, produziert und vertreibt weltweit für den Wasserstoff-Sektor sowohl Messtechnik als auch Wasserstoff-Brenner und Katalysatoren – und ist damit nicht nur in einem Wachstums-, sondern auch in einem Zukunftsmarkt zu Hause. Denn Wasserstoff spielt – da sind sich Experten einig – eine zentrale Rolle im Energiemix der Zukunft. Der Rhein-Kreis Neuss will dabei zur Vorreiter- und Modellregion werden. Da ist es gut, dass ein Akteur wie die Neoxid Group mit ihren Expansionsplänen ein klares Standortbekenntnis abgibt.

Der Zeitplan ist straff. Dieter Ostermann, Geschäftsführer der Neoxid Group, spricht gar von einem Wettlauf. Denn das Unternehmen braucht größere Flächen zur Produktion. Noch reichen zwar die Räumlichkeiten am aktuellen Sitz am Bussardweg. „Aber die Nachfrage und unsere Stückzahlen gehen steil nach oben“, sagt Ostermann. „Was wir vor drei Jahren an Systemen in einem Jahr produziert haben, machen wir jetzt in einem Quartal.“ Und die angeforderten Stückzahlen, das ist absehbar, steigen exponentiell.

Deshalb ist der neue Standort für das Unternehmen so wichtig. Geht alles glatt, würde Ostermann mit der Neoxid Group, zu der auch die Neo Hydrogen Sensors GmbH gehört, den neuen Firmensitz auf rund 5600 Quadratmeter Grundstücksfläche im Gewerbegebiet „Im Taubental“ am liebsten schon Ende 2023 beziehen. Aber nicht nur in Quadratmetern möchte das Unternehmen wachsen. Die Mitarbeiterzahl soll perspektivisch auf 60 steigen – eine Verdreifachung. Zu den Kunden des Unternehmens zählen Big Player, zum Beispiel Bosch, BMW, Airbus und Thyssenkrupp.

Die Neoxid Group gehört zu den Innovatoren im Bereich Wasserstoff. Zudem ist Dieter Ostermann, ein promovierter Physiker, auch Vorsitzender des Wasserstoff Hub Rhein-Kreis Neuss/Rheinland, der Ende 2020 auf Einladung von Unternehmerin Jutta Zülow auf Gut Gnadental in Neuss gegründet wurde. Akteure aus Wirtschaft, Forschung und öffentlicher Hand sind dort Mitglieder, vor Kurzem wurde das 80. Mitglied aufgenommen. Der Wasserstoff Hub hat es sich zum Ziel gesetzt, den Rhein-Kreis Neuss und das Rheinland als bedeutenden Standort für die Wasserstoffindustrie zu entwickeln. Der Transformationsprozess im Zuge der Jahrhundertaufgabe Strukturwandel wird als Chance gesehen, die ergriffen werden soll. Der Rhein-Kreis soll zur Modellregion für die Wasserstoffanwendung und zum Drehkreuz für die Wasserstofflogistik werden.

Natürlich geht der Blick dabei vor allem auf den grünen Wasserstoff. Er kann CO2-frei produziert werden und soll perspektivisch den derzeit noch deutlich kostengünstigeren grauen Wasserstoff ablösen, bei dem zum Beispiel Erdgas unter Hitze in Wasserstoff und CO2 gespalten wird. Grauer Wasserstoff ist allerdings schlecht fürs Klima. Gut möglich, dass daher für eine Übergangszeit auf blauen Wasserstoff gesetzt wird. Er wird zwar wie der graue hergestellt, das dabei entstehende CO2 wird aber gebunden und nicht in die Atmosphäre abgegeben.

Grüner Wasserstoff gilt als wichtiger Baustein für eine klimaneutrale Industrieproduktion und wird aus Wasser durch Wasserspaltung mit Erneuerbaren Energien (also zum Beispiel Wind- oder Sonnenenergie) gewonnen, sogenannte Elektrolyseure ermöglichen die Stoffumwandlung. In Wasserstoffspeichern kann der Energieträger vorgehalten werden. Grundsätzlich kann Wasserstoff als Basis für Kraft- und Brennstoffe dienen, um in Industrie und Verkehr Kohle, Öl und Erdgas abzulösen. Weil die Herstellung sehr energieintensiv ist, ist er derzeit allerdings noch deutlich teurer als fossile Energieträger. Aber die Entwicklung schreitet voran – und zwar schnell. Das zeigt das Wachstum der Neoxid Group ebenso wie die Bestrebungen im Rhein-Kreis, zur Wasserstoff-Modellregion zu werden. Innovation, Jobs, neue Wertschöpfung lautet der Dreiklang.

Dabei rücken auch Pläne, die im Zuge der politischen Verständigung zwischen Bund, Land und RWE zum vorgezogenen Kohleausstieg 2030 formuliert wurden, in den Blick. Um die Energiesicherheit bis 2030 und darüber hinaus herzustellen, sollen neue Gaskraftwerke gebaut werden, die bereits für einen künftigen Betrieb mit Wasserstoff ausgelegt sind. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kündigte eine Ausschreibung dafür an; RWE will sich mit einer Kraftwerkskapazität von insgesamt drei Gigawatt beteiligen. Vorstandschef Markus Krebber erklärte hierzu, es sei Ziel, „dass diese Anlagen an unseren existierenden Kohlekraftstandorten in Nordrhein-Westfalen gebaut werden“. NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) betonte, die Kraftwerke würden ab 2030 mindestens zu 50 Prozent, ab 2035 komplett mit Wasserstoff betrieben.

Ostermann sieht die Perspektiven, die diese Pläne für die Region bedeuten. Aber auch die Herausforderungen. „Für diese sehr hohen Wasserstoffmengen bräuchten wir die Wasserstoff-Infrastruktur bei uns“, erklärt er. Bei alldem ist Tempo gefragt. Denn es ist eine Hercules-Aufgabe. Nicht zufällig trägt ein zum beschleunigten Aufbau der Wasserstoffwirtschaft in Deutschland erstelltes Infrastrukturkonzept den Namen „H2ercules“.

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