Inklusiver Chor in Neuss verbindet Menschen mit und ohne Behinderung

Serie Inklusion in Neuss — über das Abbauen von Barrieren : Beim Singen sind alle gleich

Der Neusser Jedermannchor verbindet Menschen mit und ohne Behinderung.

Die Sänger haben einen Kreis gebildet, manche wippen mit den Füßen, andere haben die Augen geschlossen oder machen sanfte Bewegungen mit ihren Händen. „Kumbaya my lord, Kumbaya...“ Der Lagerfeuer-Klassiker hallt durch den Raum der Musikschule. „Die erste Strophe singen die Männer, die zweite singen die Frauen, die letzte alle zusammen!“ Christina Döhlings meint den Satz als Sing-Anleitung, die letzten zwei Worte treffen aber auch genau die Essenz der Gruppe, die sie leitet: „Alle zusammen“. Menschen mit und ohne Behinderung, Junge und Alte, Frauen und Männer singen im Jedermannchor gemeinsam – und das ziemlich erfolgreich.

In Neuss und der Region ist der Inklusionschor zu einer festen Größe geworden, allein bis zum Ende dieses Jahres hat die Truppe noch zehn Auftritte, unter anderem auch am heutigen Dienstagabend bei dem Inklusions-Talk der Neuß-Grevenbroicher Zeitung in der Pegelbar. „Am Anfang waren wir nur zu viert, das war eher ein Quartett als ein richtiger Chor“, sagt Christina Döhlings und erinnert sich an der Gründung vor sieben Jahren. Seitdem hat sich einiges geändert: Für die über 30 Mitglieder des Jedermannchors ist Montag Probetag in der Musikschule. Ein Drittel der Chormitglieder wohnen in Betreuung bei der St.-Augustinus-Behindertenhilfe, Träger des Chors. Sie haben Neurosen, Depressionen, Borderline-Störungen oder sind auf Gehhilfen angewiesen. Das zweite Drittel besteht aus Menschen mit Psychiatrie-Erfahrungen, die in der Vergangenheit liegen, ob bei ihnen selbst oder bei ihren Angehörigen. Das letzte Drittel machen Menschen ohne Behinderungen aus. „Es ist ein schönes Geflecht“, sagt Döhlings.

Zu diesem Geflecht gehört auch René Krönke. Vor zwei Jahren, als er sich den Chor anschloss, war er noch wegen Depressionen im betreuten Wohnen. „Die Treffen haben mir eine Tagesstruktur gegeben und sehr geholfen“, sagt Krönke. Er ist bei der Gruppe geblieben, wenn er heute mal bei einem Auftritt nicht dabei ist, wird seine akustische Gitarre von den anderen vermisst. „Eigentlich liegt mir Rock am meisten, die E-Gitarre ist mein Lieblingsinstrument. Aber im Chor machen sogar Schlager Spaß, wenn die anderen mit so viel Freude singen und tanzen.“ Auch Döhlings spielt Gitarre, ein drittes Chormitglied rundet die musikalische Begleitung mit der exotischen Cajón ab. Die Cajón ist ein Perkussioinstrument aus Peru, auf dem man sich hinsetzt und mit den Händen trommelähnliche Klänge erzeugt.

„Wenn wir spielen und singen, tritt alles andere in den Hintergrund“, weiß die Chorleiterin. „Über Musik funktioniert Inklusion wie von selbst.“ Nicht die Defizite zählen, sondern das Gemeinsame. Dadurch trauen sich die Teilnehmer auch mehr. „Manche Mitglieder hatten früher Probleme damit, vor die Haustür zu treten. Heute stellen sie sich hin und singen Solostücke“, so Döhlings. Wenn der Jedermannchor auf die Bühne tritt, bekommen die Mitglieder viel Applaus. Nicht, weil manche von ihnen anders sind, sondern weil sie mit Gefühl singen. „Mit Herz, geradeaus“, wie Döhlings sagt. Wenn sie singen, spürt man das. Dann ist das Herz wertvoller als die geschulteste Stimme.

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