Initiative „Kompass D“ hilft Flüchtlingen in Neuss

Unternehmer-Initiative hilft Flüchtlingen in Neuss : Kompass D wird zur Marke

Unternehmerinitiative für Integration: 140 Flüchtlinge im Kreis erfolgreich begleitet. Drei Jahre nach dem Start im November 2015 steht die Initiative Kompass D vor einem Wendepunkt.

Auf dem Höhepunkt der Zuwanderung von Flüchtlingen nach Deutschland von Unternehmen, Kommunen und weiteren Institutionen aus dem Rhein-Kreis Neuss gegründet und mit einem Startkapital von rund einer Million Euro ausgestattet, wird 2019 für das zunächst auf drei bis vier Jahre angelegte Projekt ein entscheidendes Jahr. Kompass D-Sprecher und Mitinitator J.-Andreas Werhahn zog jetzt gemeinsam mit den unterstützenden Unternehmen und Geldgebern Bilanz: „In 2019 wird Kompass D über 140 jungen Menschen geholfen haben, ihrem Traum, ein eigenbestimmtes Leben zu führen, näher zu kommen.“ Kompass D setzt dazu auf Unterstützung bei der Integration in die neue Heimat und eigene Erwerbstätigkeit.

Zielgruppe der von Kompass D aufgelegten Programme sind schulpflichtige junge Erwachsene und Jugendliche im Alter zwischen 16 und 25 Jahren. In Kooperation mit vorhandenen Institutionen, zum Beispiel Schulen oder Volkshochschulen, arbeiten eigens ausgebildete Lotsen in einem „Lernjahr“ mit den jungen Menschen und verbessern so deren berufliche Perspektiven. Inhalte des Programms sind zusätzlicher Sprachunterricht ebenso wie Gesellschaftskunde, Bewerber- und EDV-Trainings, das Kennenlernen von Ausbildungsberufen und die Förderung von Schlüsselqualifikationen wie Eigenverantwortung, Team- und Kommunikationsfähigkeit oder auch Gesundheitskompetenz. 160 Ehrenamtler, zu einem großen Teil aus Unternehmen im Rhein-Kreis, unterstützen dabei fest angestellte Lotsen.

J.-Andreas Werhahn und Claudia Neu. Foto: Woitschuetzke,Andreas (woi)

In den bislang abgeschlossenen zwei von Kompass D organisierten „Lernjahren“ konnten insgesamt 80 „Neu-Neusser“, so Werhahn, erfolgreich begleitet werden. Davon haben 28 junge Menschen eine Ausbildung bei Unternehmen im Rhein-Kreis begonnen, weitere schaffen einen qualifizierten Hauptschulabschluss oder streben einen Realschulabschluss an. Eine Erfolgsbilanz in Zahlen, die wichtig, aber, so Werhahn, nur ein Teil des Gesamteffekts von Kompass D ist: Bei Unternehmen habe die Initiative in außergewöhnlichem Maße Bereitschaft zur Integration wecken können. Mit hohem Engagement sei es zudem gelungen, relevante Akteure in Netzwerken zu verbinden, um Integration mit dem „Werkzeug Arbeit und Ausbildung“ zu beschleunigen oder überhaupt erst möglich zu machen. Außerdem so bestätigt Claudia Neu, Professorin an der Universität Göttingen, die die Wirkung der Arbeit von Kompass D untersucht, hat die Initiative auch die Funktion eines Seismographen: Lange bevor konkrete Herausforderungen bei der Integration von Flüchtlingen in Arbeit und Ausbildung von großen Institutionen bemerkt werden, sind sie bei Kompass D schon Gegenstand der täglichen Arbeit und – was das Projekt aus Sicht der Wissenschaftlerin so wertvoll macht – auch einer Problemanalyse. An deren Ende stehen oft neue Ideen und Lösungsvorschläge.

Davon, so Werhahn, profitieren nicht nur die Teilnehmer, sondern auch viele Institutionen, die im Integrationsprozess beteiligt sind: „Kompass D ist eine Marke geworden. Wir müssen uns nicht mehr anbieten, wir werden gefragt, ob wir mit unseren Programmen Schüler unterrichten können.“ Jüngstes Beispiel ist eine Kooperation mit dem Theodor-Schwann-Berufskolleg in Neuss.

Werhahn hofft, dass viele Denkanstöße, die Kompass D den Teilnehmern der „Lernjahre“, aber auch den Partnern in Wirtschaft, Politik und Verwaltung geben konnte, auf Dauer Früchte tragen. Ein Beispiel: „Viele Teilnehmer sind sich über den Wert einer Ausbildung im Betrieb noch nicht im Klaren. Immer noch wird der Schulabschluss, der natürlich grundsätzlich nicht unwichtig ist, über die Möglichkeit der Selbstbestimmtheit und des Arbeitens gestellt.“ Dabei zeigten Beispiele aus der Kompass-D-Arbeit inzwischen deutlich, dass der Einstieg in den Beruf und damit der Start in ein selbstbestimmtes Leben auch ohne formelle Bildungsabschlüsse möglich seien – vorausgesetzt die jungen Menschen sind motiviert und die Unternehmer bereit, aktiv zu werden und in Deutschland eingefahrene Bildungswege nicht als unveränderlich zu akzeptieren.

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