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Ines Kolender aus Neuss schreibt Buch über Geflüchteten aus Syrien

Geschichten vom Ankommen : Neusserin schreibt Buch über Geflüchteten aus Syrien

Mit Hilfe eines Psychologen verarbeitet Renas Sido die Erlebnisse seiner Flucht aus Syrien. Der meinte, dass man darauf ein Buch machen könnte. Das zu schreiben, hat sich Ines Kolender vorgenommen, die Sido und seiner Familie hilft, in Neuss Fuß zu fassen.

Eigentlich wollte Ines Kolender gar kein Buch schreiben, sondern einfach nur Menschen unterstützen, die nicht so viel Glück im Leben hatten. Als Ende 2015 die Fluchtmigration ihren Höhepunkt erreichte und über eine Million Menschen, die vor Krieg und Verfolgung flohen, in Deutschland Schutz suchten, waren viele helfende Hände gefragt.

Kolender begann, sich in dieser Zeit bei der Caritas in Neuss zu engagieren, die die Aktion „Neue Nachbarn“ unter Leitung von Dorota Hegerath gestartet hatte. Denn vielen Geflüchteten wurde gesagt, dass sie bleiben dürften, nachdem sie hier angekommen waren, wie sie aber auch in dieser Gesellschaft ankommen könnten, dabei half ihnen keine Behörde. So gab Kolender in ihrer Freizeit Deutschkurse für die Bewohner des Flüchtlingsheims am Nordbad in Neuss, ging mit ihnen zu den Spielen des Neusser Handballvereins und hilft ihnen noch heute als Job-Patin, Ausbildung oder Beruf zu bekommen. „Ihre Dankbarkeit reicht mir als Lohn“, sagt sie.

So lernte sie auch Renas Sido kennen, der Hegerath und ihr sogleich auffiel: Er verpasste keine Deutschstunde und pinnte Vokabelkärtchen an die Wand seines Zimmers. Zudem zeigte er sich aufgeschlossen und kommunikativ. Kolender half ihm, eine Ausbildung als Fachkraft für Lager und Logistik bei einer Spedition im Neusser Hafen zu bekommen – und sie erfolgreich abzuschließen. Gerade macht er seinen Meister.

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Heute ist Sido 27 Jahre alt, bereits 2011 verließ er Syrien. Vier Jahre später kam er in Neuss an. Seine Erlebnisse verarbeitete er mit einem Psychologen, der ihm sagte: man könne ein Buch über sein Leben schreiben. Und weil Kolender sich zur Vertrauensperson für Sido entwickelt hatte und ihm helfen wollte, seine Erfahrungen hinter sich zu lassen, startete sie mit ihm im Frühjahr 2020 das Buchprojekt. Es soll noch dieses Jahr vom Neusser Skript-Verlag veröffentlicht werden.

Das Buch ist die Geschichte eines Lebens auf der Flucht. Aber es erzählt auch, was es bedeutet, im Assad-Regime aufzuwachsen, als Angehöriger einer Minderheit verfolgt zu werden, und wie es sich anfühlt, endlich irgendwo anzukommen.

Als Sido fast 18 Jahre alt war, kam der Arabische Frühling nach Syrien und mit ihm der Bürgerkrieg. Diktator Baschar al-Assad gegen die Rebellen. Mit dem Moment seiner Volljährigkeit wäre Sido für Assads Armee verpflichtet worden. „Er erzählte mir: Ich wollte keine Menschen töten, ich wusste ja nicht mal, warum“, sagt Kolender. Zudem gehörten viele der Rebellen zur Minderheit der Kurden im Land, die unter Assad systematisch unterdrückt wurden. So wie Sido und seine Familie.

Zunächst floh er nach Lybien, doch als nach zwei Jahren auch dort der Krieg ankam, ging es weiter in die Türkei, wo er in einem Restaurant kellnerte. Er wurde schlecht bezahlt und behandelt, landete kurz im Gefängnis – wegen seiner kurdischen Herkunft. „Er solle froh sein, überhaupt arbeiten zu können“, hieß es dort, sagt Kolender. Zwischenzeitlich ging Sido zu seinem Bruder in den Irak, der dort als Bauingenieur arbeitete. Dann hatte sein Vater in der Türkei einen Arbeitsunfall. Die Familie hatte keine Perspektive mehr und entschied sich für die Flucht nach Europa. Der Vater wurde vorgeschickt, doch ein Familiennachzug war nicht möglich.

Wie Renas Sido mit seinem Bruder und dessen Kindern per Schlauchboot sich nach Griechenland begab, die beschwerliche Balkanroute in großen Teilen zu Fuß bewältigte und über Wuppertal in Neuss ankam, wo er schließlich mit seinen Eltern und Brüdern vereinigt wurde, das beschreibt Kolender in ihrem Buch. Die Familie Sido hat mittlerweile in Neuss ihr Zuhause gefunden, hat eine Wohnung bezogen.

In einem der ersten Kapitel geht es um die von körperlichen Züchtigungen und Aufmärschen geprägten Schulzeit Sidos. Einer der Lehrer fragte die Kinder, welchem Beruf sie mal nachgehen wollen. Sido antwortete: „Ich will nur glücklich werden.“