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Neuss: Im Krieg leisteten Frauen Männerarbeit

Neuss : Im Krieg leisteten Frauen Männerarbeit

Bei der gemeinsamen Aktion der NGZ und des Stadtarchivs zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren geben erste Fotos auch einen Einblick in das zivile Leben. Viele Frauen mussten für die eingezogenen Männer einspringen.

Kaum ein Tag vergeht, an dem im Stadtarchiv nicht etwas abgegeben wird, das Erinnerungen an die Zeit des Ersten Weltkriegs birgt. Im Rahmen der gemeinsamen Aktion der NGZ und des Stadtarchivs zum Kriegsausbruch vor 100 Jahren werden immer wieder Militärpässe oder Fotos von den Neussern eingereicht, aber auch ein Signalhorn eines Marinesoldaten oder eine Original-Ehrentafel aus einem heutigen Neusser Stadtteil ist mal dabei. Und hinter so vielen dieser Zeugnisse verbergen sich berührende, oft auch tragische Geschichten.

Mit mehr als 45 Abgaben ist der Aufruf zum Ersten Weltkrieg für das Stadtarchiv der bisher erfolgreichste, sagt Institutsleiter Jens Metzdorf. Er führt das auch darauf zurück, dass die heutige Enkel-Generation — zahlenmäßig stellt sie den größten Anteil unter den Abgebern — deswegen vieles aus dieser Kriegszeit aufbewahrt, weil sie noch eine persönliche Bindung eben zu den Großeltern hat, die die Zeit damals erlebt haben. Deren Kinder, also die Eltern der heutigen Abgeber, seien vielfach als Halbwaisen aufgewachsen, sagt Metzdorf und vermutet: "Da wird die Oma vielleicht immer wieder erzählt haben, dass sie den Opa im Krieg verloren hat." Wer das als Kind gehört habe, sei sich heute noch bewusst, dass es damals in jeder Hinsicht eine Zäsur gegeben hat und bewahre die Dinge, die davon zeugen, auch noch auf.

Zweifellos kommt auf diese Wiese ein großer Bestand an Zeugnissen zusammen, die ein Schlaglicht auf das (Er-)Leben der Neusser im Zweiten Weltkrieg werfen. "Aber die meisten gehen Alben mit Blick auf die Soldaten in der Familie durch", sagt Metzdorf. Er freut sich zwar, wenn unter den Abgaben auch Tagebücher, Postkarten und anderes von Soldaten sind, aber: "Auch die Frauen und Kinder in Neuss haben mit dem Krieg leben müssen."

Erste Dokumente darüber, wie sich der Alltag für diese verändert hat, sind bei ihm schon eingegangen. So zeigt ein Foto von 1915 im Reservelazarett Neuss (im damaligen evangelischen Gemeindehaus, Königstraße 37) vier Frauen, zwei Jungen im Matrosenanzug und elf Männer in Uniform. Otto Saarbourg hat es abgegeben und dazu aus seiner Erinnerung notiert, dass seine Großmutter Mimi Napp für die dort untergebrachten, sich nach einer Verwundung erholenden Soldaten oft Briefe geschrieben hat, "und stundenlang zu deren Abwechslung für Kartenspiele oder ,Mensch, ärgere dich nicht' aushalten musste. Sie hat gerne mal verloren."

Ein anderes Foto aus der Nudelfabrik Schram weist darauf hin, dass dort die Frauen für die abwesenden Männer einsprangen. So zeigt die Aufnahme 14 Frauen in gleichen Kitteln, die zwar von sechs männlichen Wesen flankiert werden, aber vier davon waren offensichtlich noch zu jung für den Krieg, die beiden anderen schon zu alt, sind aber anhand ihrer Uniform wohl der Landwehr zuzuordnen. "Das muss noch in der Fabrik an der Brandgasse gewesen sein", sagt Metzdorf. "1922 nahm die Neußer Nudel- und Stärkefabrik Pet. Jos. Schram ihr neues Gebäude im Hafen in Betrieb."

Von Fotos wie diesen wünscht sich Jens Metzdorf noch mehr. Aber vor allem hofft er auch, dass hier und da auch eine Frau Tagebuch geführt hat oder ihren Kindern und Enkeln sonstige Aufzeichnungen über das Alltagsleben im Krieg hinterlassen hat. Zusammen mit den Dokumenten aus dem eigenen Bestand, mit den Abgaben zum militärischen Bild vom Zweiten Weltkrieg will er in einer Ausstellung im September nämlich auch das zivile Leben in Neuss zu Kriegszeiten zeigen und aufarbeiten.

(NGZ)