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Neuss: Im Kern von Ibsens Figuren

Neuss : Im Kern von Ibsens Figuren

In nur 90 Minuten erzählt RLT-Intendantin Bettina Jahnke als Regisseurin eine Geschichte, die im Original auch auf drei Stunden kommt. Aber ihre "Gespenster" von Henrik Ibsen lassen dennoch nichts vermissen.

Nichts könnte die Mutter mehr schocken als diese Worte: "Als Osvald mit der Pfeife im Mund durch die Tür kam, war mir, als sähe ich seinen Vater, wie er leibt und lebt." Der Sohn, den sie zum Schutz vor dem liederlichen Vater mit fünf Jahren in Internate gab, ein Wiedergänger eben dieses Mannes? Für einen Moment droht Helene Alving die mühsam anerzogene Fassung zu verlieren, verscheucht die Worte des Familienfreundes Pastor Manders indes ebenso schnell wie die Angst, die mit ihnen in ihr aufgestiegen ist. Wie viel Wahrheit in Manders Worte steckt, wird ihr erst später aufgehen – wenn sie erkennt, dass die Vergnügungssucht ihres Mannes ein Ventil für seine permanent durch gesellschaftliche Normen (und von ihr) unterdrückte Lebenslust war, und dass sie das gleiche Muster in Osvald wiederfindet.

In Henrik Ibsens Familiendrama "Gespenster" wimmelt es fast von ebendiesen. Dabei sollen die Schatten der Vergangenheit endgültig mit den Mauern des neuen Kinderheimes gebannt werden, das den Namen des verstorbenen Alving tragen soll. Gewissermaßen als zementierte Lebenslüge, mit der Helene Alving sich und ihre Familie vor der gesellschaftlichen Geringschätzung bewahren wollte. Das kann nicht gutgehen: Das Kinderheim geht in Flammen auf, bevor es eingeweiht ist.

Kongeniale Ausstattung

Das etwas angestaubte Stück um moralische Verfehlungen, nach denen heute kaum mehr ein Hahn kräht, hat Intendantin Bettina Jahnke für ihre Inszenierung am RLT hat mit Dramaturgin Alexandra Jacob auf den Kern, nämlich auf die Befindlichkeiten der Figuren, reduziert und mit wenigen, aber passenden Mitteln in die Jetztzeit geholt.

Basis des sehr stark gekürzten Stücks ist die moderne Übersetzung von Angelika Gundlach. Ivonne Theodora Storm hat Kostüme und Bühnenbild entwickelt, die kongenial zu Inhalt und Figuren passen, wie Jahnke sie sieht. Bei ihr ist jeder sein eigener Peiniger. Pastor Manders (souverän: Rainer Scharenberg) verbietet sich selbstgefällig alle Gefühle, aber lässt sich dennoch zu einem leidenschaftlichen Moment mit Helene Alving hinreißen.

Katharina Dalichau spielt diese als Frau in den besten Jahren, in einer explosiven Mischung aus Beherrschtheit und Aufbegehren, was sich auch in ihrem hochgeschlossenen, knöchellangen Kleid mit dem langen Seitenschlitz und in knallrote Farbe spiegelt. Sohn Osvald ist bei Roman Konieczny ein rotzig-selbstbewusster Mann und zugleich verletzlicher Junge. Als Maler, der eigentlich in Paris lebt, kommt er allerdings mit Langhaarperücke und Schlabberhose allzu klischeehaft daher. Die faltigen, weil rutschigen Strümpfe unter dem engen, schicken Kleid von Melanie Vollmer jedoch passen sehr gut zu der Dualität ihrer Figur Regine: Sie spielt das bauernschlaue und auch naive Dienstmädchen, das sich in Osvald verliebt und erst jetzt erfährt, dass es seine Halbschwester ist. Und Regines (Zieh-)Vater Engstrand ist in Jahnkes Lesart des Stücks ein durchtriebener Mann (wunderbar: Joachim Berger), der genau weiß, wo er zum eigenen Vorteil die Daumenschrauben ansetzen muss.

Sie alle lässt Jahnke ganz vorn auf der Bühne spielen. Auf einer nach hinten von einer schrägen Sprossenwand abgegrenzten Spielfläche. Ein fantastisch ausgeleuchteter Himmel zaubert idyllische Wintergarten-Atmosphäre, und dennoch ist klar: Es ist ein Gefängnis für die toten und lebenden Geister.

(NGZ)