Neuss: Ideen für den Auto-Innenraum der Zukunft

Neuss: Ideen für den Auto-Innenraum der Zukunft

Die Zukunft findet im Innovationszentrum von Yanfeng Automotive Interiors schon heute statt. Es ist Labor und Ideenschmiede.

An die Stille denken die wenigsten. Aber für Volkhard Wick ist genau sie enorm spannend. "Wie managt man in Zukunft eigentlich die Geräusche im Auto, wenn die Eigengeräusche des Fahrzeugs immer mehr abnehmen?", fragt er. Wick steht im neuen Innovationszentrum von Yanfeng Automotive Interiors (YFAI), seine offizielle Bezeichnung lautet Executive Director Innovation. Wick ist der leitende YFAI-Mitarbeiter für Innovationen in Europa, in dieser Funktion ist er auch verantwortlich für den Innovationsstandort in Neuss. Dort wird am Auto-Innenraum von morgen gearbeitet. Instrumententafeln, Cockpits, Mittelkonsolen, Türverkleidungen - damit beschäftigt sich Wick täglich. Und zwar immer mit dem Blick darauf, was im Auto der Zukunft besonders wichtig wird.

In der Kühlkammer wird der Airbag samt Verkleidung vor dem Test auf minus 35 Grad heruntergefahren. Schließlich muss die Technik auch bei Extremtemperaturen einwandfrei funktionieren. Foto: Yanfeng Automotive Interiors

Selten war die Schlagzahl der grundlegenden Veränderungen, mit denen sich die Automobilbranche auseinandersetzen muss, so hoch wie heute. E-Mobilität und autonomes Fahren gelten als die Taktgeber. Wenn Autos eines Tages tatsächlich flächendeckend autonom fahren, verändert das nicht nur die Art der Mobilität, sondern auch den Fahrzeug-Innenraum in Gänze. "Wir werden ihn dann ganz anders nutzen", sagt Wick. Und mit der E-Mobilität verstummen die Motorengeräusche. "Geräusche werden dadurch im Fahrzeuginnenraum ganz anders wahrgenommen", erklärt Wick. Das Gebläse der Heizung oder das sonore Summen der Klimaanlage zum Beispiel - auf einmal rückt ins Gehör und damit ins Bewusstsein, was man vorher nur als leises Grundrauschen wahrnahm. Auch das ist eine Herausforderung für die Ingenieure.

Vor kurzem hat Yanfeng sein neues Innovationszentrum in Neuss eröffnet. Foto: Yanfeng Automotive Interiors

Wie ein Fahrzeug der Zukunft aussehen könnte, zeigt der XiM 18. Der Prototyp steht an diesem Vormittag im YFAI-Innovationszentrum "Im Taubental", aber dort ist er nicht immer. XiM18 ist viel unterwegs, Automobilunternehmen schauen sich das Hochglanz-Fahrzeug gerne aus der Nähe an. Es basiert auf der von YFAI durchgeführten Interieur-Studie "eXperience in Motion" und zeigt, wie Insassen den Innenraum eines Autos nutzen können, wenn sie nicht mehr selbst fahren müssen.

Das Unternehmen entwickelt den Fahrzeug-Innenraum der Zukunft. Foto: Yanfeng

Vier Modi gibt es, und nur der Fahrmodus - da sitzt der Fahrer dann tatsächlich noch am Lenkrad (das per Touchscreen eingeklappt werden kann) - erinnert noch ans klassische Autofahr-Gefühl. Bei den drei anderen Modi werden die Sitze ganz anders im Innenraum angeordnet, vom leicht versetzten Familien-Modus mit nach innen gedrehten Vordersitzen, über den relaxten Lounge-Modus bis hin zum Business-Modus, in dem sich die Gesprächspartner gegenüber sitzen und das Auto zum fahrenden Büro wird. Die Vordersitze werden dann um 180 Grad gedreht. Den legendären Henry Ford würde es aus den Schluppen hauen, wenn er einen Blick in die automobile Zukunft werfen könnte.

Rainer Bittner ist Leiter des Musterbaus am Standort Neuss. Foto: Yanfeng Automotive Interiors
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Alles, was Wick im Innovationszentrum zeigt, sind Entwürfe für den Fahrzeug-Innenraum von morgen. "Licht wird dabei eine große Rolle spielen", sagt er und zeigt verschiedene Möglichkeiten, zum Beispiel Türelemente von innen individuell nach Kundenwunsch zu illuminieren. Auch Personalisierung wird immer wichtiger, Design und intelligente Oberflächen sowieso. Sie ermöglichen eine nahtlose Integration von Anzeigen- und Bedienfunktionen. YFAI fasst das alles als "Next Living Space" zusammen, der Fahrzeug-Innenraum wird zum Lebensraum. Neue Materialien und Naturfasertechnologie machen Türverkleidung, Instrumententafel und andere Innenraumkomponenten zudem leichter. "Weniger Gewicht bedeutet zum Beispiel beim E-Auto mehr Reichweite", sagt Volkhard Wick.

Nur ein paar Hundert Meter vom Innovationszentrum entfernt liegt die YFAI-Europazentrale. Dort befinden sich unter anderem das Airbag-Testcenter und der Musterbau. Dessen Leiter, Rainer Bittner, weiß jetzt schon, wie manch ein Auto-Innenraum künftiger Modelle aussehen wird - weil er eng in die Entwicklung von Instrumententafeln samt Airbag & Co. eingebunden ist. Und er führt in den Raum, wo Airbags getestet werden. Mit einem lauten Knall gehen sie auf, dabei werden zig Messungen vorgenommen. "Die Tests werden bei minus 35 Grad und plus 80 Grad durchgeführt. Airbags müssen schließlich auch bei großer Kälte oder Hitze funktionieren", erklärt Bittner. Wenn er und seine Kollegen fertig sind, kann ein Produkt in Serienproduktion gehen. Die Produktreife kommt in Neuss auf den Prüfstand.

An einer Wand hängen Autotüren von verschiedenen Fahrzeugen und aus unterschiedlichen Jahrzehnten. Es ist sozusagen eine kleine Museumswand. Die Innenseiten der Türen wurden von YFAI gestaltet, und wenn Rainer Bittner dort vorbeikommt, dann sagt er, dass ein Erinnerungsstück fehlt. "Vor vielen Jahren haben wir auch einmal für den Papst den Innenraum eines Papamobils gestaltet."

(abu)
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