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Interview: Schützenkönigin Andrea Reuß: "Ich hatte Nachhilfe fürs Schützenfest"

Interview: Schützenkönigin Andrea Reuß : "Ich hatte Nachhilfe fürs Schützenfest"

Die Neusser Schützenkönigin Andrea Reuß trägt ihr Herz auf der Zunge. Das bewies die gebürtige Ruhrpottlerin beim Gespräch mit Redaktionsleiter Ludger Baten auf dem blauen NGZ-Sofa im Frankenheim-Brauereiausschank Vogthaus.

Frau Reuß, Sie sind sozusagen eine "angelernte Neusserin", kommen gebürtig aus dem Ruhrgebiet. Wird dort auch Schützenfest gefeiert?

Andrea Reuß In den Dörfern wird auch Schützenfest gefeiert, aber wesentlich kleiner und nicht vergleichbar mit Neuss. Aber ich hatte dort nie Kontakt mit dem Schützenwesen. Als ich in Düsseldorf gearbeitet hatte, wusste ich, dass es Neuss und sein Schützenfest gibt. Aber ich war nie dort.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Reuß Der Neusser sagt: "Heimat ist da, wo mein Herz ist." Da der Ruhrpottler ein nicht besonders höflicher, aber dafür sehr direkter Menschenschlag ist, der das Herz am rechten Fleck trägt und sich einer lebendig-bildhaften Sprache bedient, heißt es dort, wie es der Autor und Kabarettist Frank Goosen sagt: "Woanders ist auch Scheiße." Es meint aber das gleiche, nämlich Heimatverbundenheit. Im Herzen bin ich auf jeden Fall Neusserin - oder ein Nüsser Rösken.

Sie haben Industriekauffrau gelernt und 17 Jahre bei der WestLB gearbeitet. Heute sind Sie für die Firma Trox in Neukirchen-Vluyn tätig. Weiß Ihr Chef, dass Sie Schützenkönigin sind?

Reuß Das weiß er, aber ich glaube nicht, dass er das Ausmaß kennt und was das Schützenfest für Neuss bedeutet. Aber er will sich am Sonntag die Parade im Fernsehen anschauen.

Sie haben Ihren Mann Rainer 2006 bei einem Wein- und Schokoladeseminar kennen gelernt. Wann waren Sie das erste Mal auf Schützenveranstaltungen unterwegs?

Reuß Meine erste Einladung war zum Hubertusball im November 2006, wo ich seinen Zug und die Damen kennengelernt habe. Alle haben mich gut aufgenommen, und es war eine tolle Veranstaltung. Da habe ich das erste Mal überhaupt gewusst, wovon Rainer immer spricht, wenn er vom Schützenwesen erzählte.

Wie haben Sie dann das erste Schützenfest erlebt?

Reuß Ich hatte von meiner Schwiegermutter direkt eine Karte für die Tribüne bekommen. Ich habe alle vorbeimarschieren sehen, konnte die Korps aber nicht auseinanderhalten, nur die schwarzen und weißen Hosen. Ich habe dann zwei Jahre intensive Nachhilfe von meiner Schwägerin und meiner Schwiegermutter bekommen, und dann wusste ich auch, wer wer ist. Aber es hat von Anfang an Spaß gemacht, weil diese besondere Stimmung in der Stadt einen mitreißt.

Wann hat Rainer Sie informiert, dass er Schützenkönig werden möchte?

Reuß Schon vor der Hochzeit hat er immer davon erzählt, und mir war klar, dass er einmal König sein möchte. Wenn er festgestellt hätte, dass ich keine Freude daran haben würde, hätte er mich wohl nicht geheiratet. Ich wusste, dass es ihm wichtig ist, und wir haben immer darüber diskutiert, was einen erwartet. Aber richtig fest gemacht wurde es letztes Jahr eine Woche vor Schützenfest. Ich bin der Meinung, dass man seine Träume leben sollte, und Chancen bieten sich uns in jedem Augenblick unseres Lebens. Man muss sie nutzen und sollte nichts im Leben aufschieben.

Wie haben Sie den Schützenfestdienstag erlebt, an dem man morgens das Haus verlässt und abends als Königspaar nach Hause kommt?

Reuß Der Tag war sehr aufregend. Es war tolles Wetter, eine tolle Atmosphäre auf der Wiese und ein spannender Wettbewerb. Vorher war ich noch ganz ruhig, aber als Rainer es dann wurde, war mein Puls auf 180. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie er dann auf dem Podium stand. Das war ein Wahnsinns-Gefühl.

Wie sieht Ihr erstes kleines Fazit vom Königsjahr aus? Was war besonders beeindruckend?

Reuß Besonders schön war das Beiern im Quirinus-Münster mit Blick über die Stadt. Zum Quirinus haben wir eine ganze besondere Verbindung, weil Rainer dort getauft wurde und wir dort auch geheiratet haben. Wir waren in Köln auf dem Dom bei der Kardinal-Frings-Gesellschaft, wir haben viele tolle Krönungen und Stadtteilschützenfeste mitgemacht. Jedes Wochenende erlebt man etwas Neues und lernt viele nette und interessante Menschen kennen. Es sind Freundschaften entstanden, die auch nach dem Königsjahr Bestand haben werden. Unser Leben hat sich seit dem 27. August 2013 komplett verändert. Man wird in der Stadt erkannt und ist für immer mit der Stadt Neuss und dem Schützenwesen verbunden.

Sogar im Supermarkt wird man erkannt...

Reuß Am Tag danach, als Rainer König war, ging ich völlig ungeschminkt und in Flip-Flops in den Supermarkt und wollte eigentlich nur ein bisschen einkaufen, aber dann stand die Kassiererin auf und sagte zu mir: Eure Majestät, ich gratuliere.

Ein Königspaar absolviert rund 130 Termine im Jahr und bekommt noch viel mehr Einladungen. Wie selektiert man da?

Reuß Wir wollten kein "Party-Hopping" machen. Wo wir zuerst zugesagt hatten, sind wir auch geblieben. Außer zu den Pflichtterminen des Bürger-Schützen-Vereins haben wir sonst nur eine oder maximal zwei Einladungen am Tag angenommen.

Sind Sie in den Urlaub gefahren dieses Jahr?

Reuß Nein. Ich bin eine Woche mit meiner Schwester weg, aber Rainer ist zu Hause geblieben. Ich finde, man sollte in so einem Jahr so viel mitnehmen wie möglich. Es ist etwas Einmaliges im Leben.

Wir befinden uns jetzt auf der Zielgerade zum Schützenfest. Wächst der Spannungsbogen?

Reuß Bei den Schützenfesten in den Stadtteilen spürt man das Kribbeln. Es kommt immer näher, und man merkt auch in der Stadt, wie die Stimmung jetzt steigt.

Und ist alles vorbereitet?

Reuß Ich habe alles zusammen: Kleider, Hüte, Handschuhe. Ich erledige gerne alles schnell, damit ich es aus dem Kopf habe. Aber der König muss noch einiges vorbereiten, wie Rede und Ordensliste schreiben. Aber er hat ja noch ein paar Tage Zeit.

Worauf ist die Freude am Größten?

Reuß Ich freue mich natürlich auf die Parade, auf die vielen Bälle und auf den Fackelzug, denn man munkelt, dass viele Fackeln auf Rainer zugeschnitten sind.

STEFAN REINELT FASSTE DAS GESPRÄCH ZUSAMMEN

(NGZ)