Neuss: Hubert Offermanns – Box-Legende

Neuss: Hubert Offermanns – Box-Legende

Hubert Offermanns war in den 1930er Jahren mehrfach Deutscher Meister im Boxen. Sein Weg dahin war steinig: Offermanns startete als Amateur, verlor regelmäßig seine Kämpfe, aber nie den Glauben daran, dass er ein großer Boxer werden könnte. Er behielt Recht.

Im Gegensatz zu Ringer-Weltmeister Jakob Koch, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts wegen seiner sportlichen Leistungen vielen Neussern in Erinnerung ist, zählt Hubert Offermanns zu den vergessenen Sportidolen. Und das, obwohl Offermanns — Boxer mit Hoch-Zeit in den 1930er Jahren — mehrmals Deutscher Meister war und gegen die bekanntesten europäischen Boxer angetreten ist. Der Stadtsportverband widmete ihm kürzlich in seiner Ausstellung zur Neusser Sportgeschichte eine ganze Stellwand und war überrascht, dass Offermanns der offenbar am wenigsten bekannte Sportler der Ausstellung war. "Vielleicht lag es daran, dass Onkel Huberts Karriere zu viele Höhen und Tiefen hatte und nach den großen Erfolgen in den Wirren des zweiten Weltkrieges versickerte," vermutet Herbert Offermanns, dessen Familie sich um den alternden Onkel gekümmert hat.

Hubert Offermanns wurde am 17. Januar 1906 in Neuss geboren, wuchs in der Schillerstraße 11 auf und starb am 10. Juli 1984 mit 78 Jahren im Herz-Jesu-Heim. Bei VfL Rheinkraft (später erst DJK Rheinkraft Neuss), deren Ehrenmitglied er ist, kommt er als Jugendturner mit dem Sport in Berührung. Beinahe zufällig sieht Hubert Offermanns 1925 — als 19-Jähriger — erstmals einen Boxkampf in Neuss und ist sofort hin und weg. Heimlich beginnt er, beim Punching-Club Neuss zu trainieren — er vermutet bereits, dass seine Eltern diesen Sport nicht gutheißen. Und er hat Recht: Als Hubert mit einem blauen Auge vom Training heimkommt und seinen besorgten Eltern beichten muss, wo er war, fliegt die Sache auf. Doch Hubert lässt sich von den Warnungen und Drohungen seines Vaters nicht beeindrucken und kämpft noch im gleichen Jahr um die Stadtmeisterschaft im Fliegengewicht, der leichtesten aller Klassen: Offermanns misst weniger als 1,60 m und wiegt kaum einen Zentner.

Erfolgreich ist dieses Debüt nicht, im Gegenteil: Offermanns verliert den Kampf, bricht sich das Nasenbein, muss operiert werden und acht Tage im Krankenhaus bleiben. "Das betrübte vor allem seine Mutter, Oma Gertrud, die 91 Jahre alt geworden ist, elf Kinder zur Welt gebracht und ihren unverheiratet gebliebenen Hubert stets wie ein Kind umsorgt hat," erzählt Herbert Offermanns. Dieser schmerzhafte Misserfolg kann Hubert nicht vom Boxen abbringen.

Als er wieder gesund ist, trainiert er konsequent weiter und durchlebt als Amateur sieben Jahre lang alle Höhen und Tiefen, die ein Boxer erleben kann. Das reicht vom k.o.-Sieg bis zur k.o.-Niederlage. Auf der Erfolgsseite stehen eine westdeutsche Vizemeisterschaft sowie Länderkämpfe gegen Frankreich und Holland. Als er, der gelernte Klempner und Installateur, der seine Gesellenprüfung in Theorie und Praxis mit gut bestanden hatte, erwerbslos wird, beschließt er 1932, ins Lager der Berufsboxer überzuwechseln. Im Mai bestreitet er in der Kölner Rheinlandhalle seinen ersten Profikampf gegen den Lokalmatador Schindler. Offermanns gewinnt nach Punkten. Innerhalb der nächsten fünf Wochen verlässt er noch zweimal als Sieger den Ring, anschließend aber verliert er in diesem ersten Profijahr drei Kämpfe — zwei sogar durch k.o. Ein wesentlicher Grund dafür sind die schlechten Trainingsbedingungen: Weil seine ehemaligen Vereinskameraden als Amateure nicht mit einem Profi sparren dürfen, hält Offermanns sich mit täglichen Waldläufen und Schattenboxen in Form. Die Folge: In Berlin kassiert der Neusser Newcomer seine erste k.o.Niederlage als Profi gegen Beißmann. Und nachdem er den nächsten Kampf um die Deutsche Meisterschaft gegen List wegen eines Rippenbruches aufgeben muss, bezeichnete ihn die Sportpresse als "erledigten Mann" — und das alles für Gagen zwischen 200 und 400 Reichsmark.

Der Düsseldorfer Manager Peter Kronenberger baut Offermanns physisch und psychisch wieder auf. Kronenberger war selbst westdeutscher Spitzenboxer. Er besorgt seinem Schützling einen Kampf gegen Metzner, den deutschen Doppelmeister im Fliegen- und Bantamgewicht. Nach sieben dramatischen Runden hat Offermans den Meister "restlos zusammengeschlagen", wie ein Zuschauer berichtet. Das ist Offermanns Durchbruch, ein Lohn für sein konsequentes Leben: kein Nikotin, kein Alkohol, tägliches hartes Training — auch sonn- und feiertags, auch zu Karneval und Schützenfest.

  • Neuss : Box-Talent bereitet sich auf Olympia vor

In den kommenden Jahren steigt Offermanns nicht zuletzt aufgrund seines offensiven Kampfstils zum Hauptkämpfer und Publikumsliebling auf. Als er 1934 im Düsseldorfer Planetarium, der heutigen Tonhalle, abermals gegen Metzner boxt, ist halb Neuss auf dem Beinen, und viele Fans mussten wegen Überfüllung draußenbleiben. Das Urteil Unentschieden nach zwölf Runde löst Tumulte aus, denn die Zuschauer standen vor Begeisterung auf den Stühlen und sahen ihr Neusser Idol schon als Sieger.

Im Mai des folgenden Jahres ist der Münchner Zirkus Krone ausverkauft, als Offermanns gegen Ausböck um die deutsche Meisterschaft boxt. Der Neusser schlägt seinen Kontrahenten in der dritten Runde k.o. und gewinnt erstmals den Titel. Fans tragen ihn auf den Schultern im Triumphzug durch Neuss. Insgesamt kämpft Offermanns in der Folgezeit 13 Mal um die Deutsche Meisterschaft, den Titel sichert er sich drei Mal.

In den Folgejahren kämpft er — wegen häufiger Verletzungen — mit wechselndem Erfolg gegen fast alle Spitzenboxer Europas — den Kampf seines Lebens aber liefert er 1937 in Liverpool gegen den englischen Weltmeister Peter Kane. Der als unbesiegbar geltende Brite geht in der zehnten Runde bis sieben zu Boden. Die Sensation scheint sich anzubahnen. Doch Offermanns hat sich mit dieser wuchtigen Rechten den Mittelhandknochen gebrochen und muss aufgeben. Die Engländer feierten ihn wie einen Sieger.

Hubert Offermanns Comeback-Versuche nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft scheitern in den Jahren 1946 bis 1948 kläglich. An seinem Status als Box-Legende der 30er Jahre ändert diese Tatsache nichts.

(NGZ)
Mehr von RP ONLINE