Neuss: Hommage zum Neunzigsten

Neuss : Hommage zum Neunzigsten

Neuss. Eine gute Fügung war es, dass die kurze Andacht in der Christuskirche, die Pfarrerin Dr. Ilka Werner zum Gedenken an die Reichsprogromnacht 1938 hielt, den Psalm 130 "Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir" in den Mittelpunkt stellte. Eben dieser Psalm in seiner Choralfassung stand nämlich auch im Mittelpunkt einer Komposition beim folgenden Konzert.

Dieses Konzert war eine Hommage zum 90.Geburtstag des Düsseldorfer Komponisten und Hochschullehrers Prof. Jürg Baur. In Zusammenarbeit mit der Bergischen Gesellschaft für Neue Musik gestalteten die Remscheider KMD Ruth Forsbach an der Orgel und der Cellist Thomas Blees anderthalb kurzweilige Stunden mit Musik des Jubilars und dreier seiner ehemaligen Kompositionsschüler, nämlich Lutz-Werner Hesse, Thomas Blomenkamp und Norbert Laufer.

Mit der ihm eigenen offenen Freundlichkeit begrüßte der Geehrte am Eingang der Kirche die leider sehr wenigen Interessierten. Seine Werke waren Spiegelbild eines rund 75-jährigen Kompositionsschaffens, denn schon mit vierzehn Jahren hatte Baur nach eigenem Bekunden die eröffnende "Orgel-Fantasie B-A-C-H" geschrieben. Das jüngste Werk des bereits über Achzigjährigen, 2002 von Ruth Forsbach uraufgeführt, waren fünf kleine zyklisch verbundene Orgelstücke unter dem Titel "Ritorno" zum Abschluss des Konzerts. Dazwischen lagen die erwähnte dreigliedrige und beklemmend schmerzvolle Orgelpartita über "Aus tiefer Not schrie ich zu Dir" von 1965 sowie Fantasie und Fuge c-moll für Orgel und Cello von 1943.

Neben Baurs an alten Meistern ge-schulten, immer durchhörbaren Kon-struktion sind seine unverkennbare Melodik und der sparsame, stets an der inhaltlichen Notwendigkeit ge-messene Einsatz zeitgenössischer Kompositionsmittel charakteris-tisch. In überraschenden Einfällen bricht auch häufig schalkhafter Humor auf. Besonders schön zu hören war das im "Scherzo" der Solosonate für Cello (1965): Immer wieder scheint der Terzruf eines pene-tranten Kuckucks das virtuose Piz-zicato-Spiel von Thomas Klees zu unterbrechen.

Unter den Schülerwerken ließ Norbert Laufers mit Vierteltönigkeit spielende "Anrufung" (1987) für Cello und Orgel aufhorchen. Auch der Baur zum 90. Geburtstag gewidmete und uraufgeführte "Dialog für Violoncello und Orgel" von Lutz-Werner Hesse fügte sich gut ins Konzert ein. Der heute bekannteste Komponist ist Thomas Blomenkamp. Seine "Broken sounds" für Orgel (1988) spiegelten einzig ein eher zerstörerisches Element, das sicher nicht so aus Baurs Unterricht hervorgegangen ist. Bei den Ausführenden war die angemessene Interpretation aller Werke hörbar eine Herzensangelegenheit.

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