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Neuss: Hommage an Thomas Kling

Neuss : Hommage an Thomas Kling

Mit einer anregenden Podiumsdiskussion und einer stimmungsvollen Lesung ging die erste wissenschaftliche Tagung zum lyrischen Werk von Thomas Kling auf der Raketenstation zu Ende.

Der Dichter Thomas Kling konnte sich mächtig aufregen, vor allem sprachlich. "Als ich ihn das erste Mal gehört habe, war ich entsetzt", sagt der österreichische Schriftsteller Franz Josef Czernin. "Und ich hatte Angst vor ihm", so Professor Heinrich Detering. Literaturwissenschaftler aus Deutschland, Österreich und den USA trafen sich jetzt auf der Raketenstation in Hombroich zur ersten Tagung zum Werk Thomas Klings. Eine Podiumsdiskussion und Lesung bürsteten die Konferenz zuletzt gegen den akademischen Strich.

An drei Tagen und in dreizehn Vorträgen sondierten die angereisten Germanisten Sprache, Stil und Arbeitsweise Thomas Klings, der mit 47 Jahren an Lungenkrebs gestorben war. "Es ist ein eigentümliches Gefühl wie hier, wo er bis vor fünf Jahren gelebt, gearbeitet und auch gelitten hat, ein neuer, wissenschaftlicher Körper entsteht." Der Journalist und Autor Hubert Winkels moderierte die abschließende Podiumsdiskussion mit Franz Josef Czernin und Heinrich Detering.

Zehn Jahre hatte der in Hilden geborene Kling auf der Raketenstation seine Basis. Von dort aus unternahm er Ausflüge und Recherchetouren, deren Ergebnisse und Beobachtungen er in seinen Gedichten verarbeitete. Auf der Düsseldorfer Kö belauschte er beispielsweise "im Wortgestöber getrimmte Zungen". Sein Freund und langjähriger Performance-Partner Frank Köllges hatte diesen und andere "Findlinge" und Gedichte für seine musikalische Lesung ausgewählt.

Heinrich Detering Literaturprofessor in Göttingen und selbst Lyriker: "Meine Schreibwelt war in Ordnung, bis ich Thomas Kling kennen lernte." Was ihm Angst gemacht habe, so Detering, war eine in Klings Texten gegenwärtige Figur, "die den Leser unterwerfen möchte". Mit den "heilsamen Kräften der Hermeneutik" habe er Kling auf Distanz gehalten und die Schönheit und Tiefe seiner Sprache erkannt. Eines Morgens, er hielt sich gerade zu einem Gastvortrag über Kling in Amerika auf, merkte Detering, "dass ich Kling bewundere".

Die Lesung des Gedichts "Manhattan Mundraum" mit begeisterten Studenten einer amerikanischen Eliteuniversität bestärkten ihn noch am gleichen Tag darin. Unmittelbar nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York schrieb Thomas Kling: "Null Sicht, Totenmehl", "Zungen, die in Schlünde winken", "Bittres Mehl, darüber der Wind geht", "Nachrichten vom Schädeldach der Welt", "Blut, Ocker oder meinethalben Gedicht". Auf der Richterskala sprachlich relevanter Eruptionen hatte Kling mit diesem Gedicht, das im Band "Sondagen" erschien, knapp ein Jahr nach dem Anschlag bemerkenswerte lyrische Ausschläge verzeichnet. Regelmäßig lud er Dichter von Rang zu Lesungen auf die Raketenstation ein. Auch Franz Josef Czernin war mehrfach bei "Hombroich Literatur". Czernin: "Man muss jetzt aufpassen, keinen germanistischen Heiligen aus ihm zu machen."

Diesen Wunsch griff der Musiker Frank Köllges, der bei Thomas Klings Beerdigung auf dem Friedhof in Holzheim so eindringlich die Trommel geschlagen hatte, sofort auf. Der wissenschaftlichen folgte die rhythmische Transformation des Dichters, die die rund 80 Zuhörer in Bann zog: "Vollverstörte in seliger Gehörlosigkeit", "Verkommene Köpfe und Kinder" und "allseits Gesichtsentfachung angesagt", rezitierte Köllges. Sprachbohrungen Klings in seine Mitwelt, quasi lyrische Nacktscanner. Das letzte Wort von Frank Köllges: "Beleben Sie meinen Freund Thomas Kling, so Sie es können."

(NGZ)