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Neuss: Homers Sprachrohr

Neuss : Homers Sprachrohr

Der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott eröffnete das grenzüberschreitende Lesefestival in der Neusser Stadtbibliothek mit einem Auszug aus seiner "Ilias"-Übersetzung und sehr humorvollen Erzählungen über seine Arbeit an dem antiken Text.

Der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott eröffnete das grenzüberschreitende Lesefestival in der Neusser Stadtbibliothek mit einem Auszug aus seiner "Ilias"-Übersetzung und sehr humorvollen Erzählungen über seine Arbeit an dem antiken Text.

Er raunt, er schimpft, er greint, er wispert, er lacht, er grollt. Der ganze Körper geht mit; mal reckt er die Faust in die Luft, mal fährt die Hand durch Gesicht und Haare. Der Tisch wackelt, weil die Füße darunter im Rhythmus auf- und niederwippen — wenn Raoul Schrott liest, wechselt er die Profession, wird der Schriftsteller zum Schauspieler. Oder besser noch, weil es zum Thema passt: zum Rhapsoden. Die wandernden Vortragskünstler der griechischen Antike sorgten einst dafür, dass die alten Erzählungen und Geschichten Verbreitung fanden (bis sie verschriftlicht wurden), allerdings eher in Form des Gesangs.

Raoul Schrott hingegen beschränkt sich lieber auf die Rezitation und verzichtet natürlich auch auf das die Rhapsoden in der Regel begleitende Saiteninstrument namens Phorminx. Der gebürtige Tiroler ist wahrlich sich selbst und seinem Publikum genug. Letzteres kam am Donnerstag Abend in solchen Scharen zur Schrotts Lesung in die Stadtbibliothek, dass Stühle um Stühle herbeigeschleppt werden mussten.

Mit der Lesung aus der von ihm neu übersetzten "Ilias" eröffnete der 45-Jährige den Literarischen Sommer und entpuppte sich dabei auch als kluger und humorvoller Entertainer. So unkompliziert, wie er sich kleidet — blaue Jeans, blaues Hemd, dessen Ärmel erst mal hoch gekrempelt werden, bevor es losgeht —, so locker steigt er auch in die Materie der antiken Epen um den Kampf von Troja ein. Fasst anschaulich und mit trockenem Humor den in den Zypriotischen Geschichten erzählten ersten Teil des langen Krieges zusammen und erwähnt sicherheitshalber auch, dass das Trojanische Pferd erst nach der Ilias im dritten Teil, nämlich der Odyssee, zum Zuge kommt. Wenn von dieser Lesung eine Botschaft hinaus in die Welt gehen sollte, dann nur diese: Lesen macht Spaß, und antike Texte können aufregende Abenteuergeschichten sein.

Ausgangspunkt der "Ilias" ist der Streit um eine Frau. Nicht dass sie besonders geliebt wird oder sonst wie Bedeutung hätte. "Frauen kommen bei Homer nur vor, indem sie klagen oder jammern", sagt Schott, "es sei denn, es sind Göttinnen". Die Sterblichen sind Beute, Sklavinnen, die die siegreichen Krieger je nach Wichtigkeit unter sich verteilen.

Dem großen Kriegsherrn Agamemnon steht die schöne Chryseis zu, aber sie wird von ihrem Vater, dem Priester Chryses zurückgefordert, was Agamemnon nur so lange zu verweigern traut, bis Gott Apollon eine Seuche in seinem Heer ausbrechen lässt. Also schickt der Grieche die junge Frau zurück und verlangt von Achilleus dessen Beutesklavin Briseis als Ersatz. Das macht natürlich Achilleus fuchsteufelswild ... Die Götter schalten sich ein und den nächsten 50 Tagen im zehnten Jahr des Trojanischen Krieges geht es nur noch um Achilleus' Wut und den Machtkampf mit Agamemnon.

Für Schrott ist indes klar, dass sich Homer für die "Ilias" bei mehreren ihm bekannten Erzählungen bedient hat. Das Epos sei "eine Art Reader's Digest von allem, was im 7./8. Jahrhundert vor Chr. bekannt war", sagt er salopp. Mag Schrotts Übersetzerarbeit bei puristischen Gräzisten auch nicht auf Wohlwollen treffen — die "Ilias", mit der sich mancher Schüler in altertümlichen Übertragungen herumquälen muss und musste, hat durch ihn eine neues sprachliches Gewand bekommen, das moderner, aber deswegen nicht weniger anspruchsvoll ist. Homers Hexameter hat Schrott dabei ebenso verlassen wie die Linie, den griechischen Dichter wortgetreu zu übersetzen. Wenn Homer jemanden als "Weinschlauch" betitelt, macht Schrott aus ihm eben einen "Saufkopf". Er fügt heutige Redewendungen ein, weil die antiken nur für den damaligen Zeitgenossen einen Sinn ergäben und hat den Hexameter aufgegeben, weil er nur zur Melodie der griechischen Sprache passe.

Spricht's und kann es auch beweisen, wenn er immer wieder griechische Originalzitate fast singend einstreut und ihre deutsche Übertragung rezitiert. "Wenn Sie wissen wollen, was Homer geschrieben hat, müssen die Ilias in der Übersetzung etwa von Wolfgang Schadewaldt lesen. Wenn Sie wissen wollen, wie sie funktioniert und was sie erzählt, lesen Sie meine." Genau!

(RP)