Neuss: Historiker entdeckt Bierrezept von 1740

Neuss : Historiker entdeckt Bierrezept von 1740

Altbier aus Neuss war ein Qualitätsprodukt. Wie diese Qualität erreicht und gesichert wurde, hat Johannes Schmitz zwischen den Pergamentbuchdeckeln eines bäuerlichen Anschreibebuches aus Grimlinghausen entdeckt.

Als Johannes Schmitz seine Nase in das bäuerliche Anschreibebuch der Familie von Toni Wittgens steckte, hoffte der Historiker aus Grimlinghausen etwas mehr über die Geschichte des Reuterhof in seinem Ortsteil zu erfahren. Statt dessen stieß er auf ein Rezept, das Josef Rangen im Jahr 1740 mit feiner Kurrentschrift auf Büttenpapier niedergeschrieben hat. "Der Fund hat mich irritiert", gibt der 37-Jährige zu. Doch diese Irritation wich bald der Gewissheit, dass Schmitz das älteste Rezept zum Altbierbrauen gefunden hat, das am Niederrhein erhalten geblieben ist.

Mit "man nehme" fängt dieses Rezept allerdings nicht an. "Selbstverständlichkeiten wie die Zubereitung von Bier wurden nicht aufgeschrieben", erklärt Carl Pause vom Clemens-Sels-Museum, das dieses Rezept in seiner Sonderausstellung "Als Neuss noch jung war" zeigt. Warum Johannes Rangen vor beinahe 300 Jahren doch zur Feder griff, würde man heute mit Begriffen wie Nachhaltigkeit oder Qualitätssicherung übersetzen. Denn der Land- und Gastwirt aus Grimlinghausen kannte — und hinterließ seinen Nachfolgern in der Familien-Brauerei — einen Kniff, wie man obergärig gebrautes Hopfenbier haltbarer und durch Ausfiltern der Schwebstoffe ansehnlicher macht.

Richtig lecker klingt das allerdings nicht: "Nehme pro Ohm Flüssigkeit zwei Loth Fischblase oder Fischköpfe zum Klären der Flüssigkeit. Die Fischblase wird kleingeschnitten und eh' sie gekocht wird, schlage mit einem Besen das Bier durcheinander und seihe es danach mithilfe eines Tuches."

"Heute, denke ich, wird das anders gemacht", sagt Schmitz zum Trost der Altbier-Gemeinde. Englisches Ale, schiebt Pause aber nach, werde noch heute mit Fischgelatine geklärt. Umgeschrieben muss die Bier-Geschichte der Brauerstadt Neuss, wo Hopfenbier seit dem 14. bis 15. Jahrhundert bekannt ist, nach Überzeugung der beiden Historiker nicht. Aber der Rezeptfund zeigt, dass sich am Rhein — ähnlich wie in Bayern mit dem Reinheitsgebot dokumentiert — Brauer mit der Qualität ihres Biers beschäftigten. Es gab aber auch andere Fälle, wie eine Prozessakte aus dem 18. Jahrhundert belegt. Da hatten Brauer dem Bier so genanntes "Dollkraut" beigemischt, um dessen Rauschwirkung zu erhöhen. Eine Droge.

Für den Historiker Schmitz ist das Anschreibbuch aber auch in anderer Hinsicht eine interessante Quelle. Angelegt wurde es in der Familie Wittgens/Rangen offensichtlich 1686, wie der Pergamenteinband verrät, und es endet erst mit einer Geburtsanzeige aus dem Jahr 1960. Dazwischen liegen eine Fülle von Aufzeichnungen, die Auskunft geben über das Leben der Familie und der Menschen im Ort. Dass der Knecht Paulus für den Verlust einer Kette aufkommen musste, was ein Küster zur Vorbereitung einer Beerdigung verlangt, aber auch, wer als Zecher im Gasthaus auf der Strecke nach Köln mal nicht bei Kasse war. Denn dann wurde angeschrieben. Und so weiß Schmitz auch, dass die Landwirte, die auch Wirte waren, im Ort zu den Wohlhabenden zählten. Denn anders als die meist bitterarmen Grimlinghauser besaßen sie ein Steinhaus. Und er weiß, dass das Lokal einen guten Ruf genossen haben muss, denn selbst Offiziere verkehrten dort — und auch sie ließen sich Kredit geben.

Schmitz, der mit einer Doktorarbeit zur Geschichte Nideggens promovierte und sein Geld als Lehrer an einer Wuppertaler Abendschule verdient, wird nun die Erforschung der Geschichte des Reuterhof, zu dem das größte Hofarchiv am Niederrhein gehört, zurückstellen. Denn erst muss er einen Aufsatz schreiben, der beweist: Alt aus Neuss war ein Qualitätsprodukt.

(NGZ)
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