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Neuss: Herta Müller in Hombroich

Neuss : Herta Müller in Hombroich

Auf der Raketenstation wurde an diesem Wochenende viel Musik gemacht und geredet. Die 16. Auflage von "Hombroich: neue Musik" widmete sich am Samstag dem Kölner Komponisten Robert HP Platz. Und am Sonntag erzählte die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller von ihrer Arbeit.

Mit Andeutungen ist sie groß geworden, hörte schon als Kind, wie oft ihre Mutter kahlgeschoren wurde, lernte, Kartoffeln hauchdünn zu schälen, obwohl doch genug davon da waren, um auch das Vieh noch damit zu füttern. "Ich habe gespürt, dass meine Mutter etwas mit sich herumschleppte, auch dass sie eine besondere Komplizenschaft mit der Kartoffel hatte", erzählt Herta Müller. Von bedrückendem Schweigen, der Suche nach Schutz hinter betonierten Sätzen und ihrem Aufbruch, über die Erlebnisse ihrer Mutter zu schreiben, berichtete die Literaturnobelpreisträgerin gestern auf der Raketenstation. Im Gespräch mit Ernest Wichner gab die gebürtige Deutschrumänin einen Überblick über ihr Leben und ihr Werk, erzählte von ihren Erfahrungen in Rumänien und der Suche nach den Erlebnissen, die ihre Mutter in ukrainischen Arbeitslagern machte, in denen sie fünf Jahre arbeiten musste.

Zart und klein, dennoch selbstbewusst erzählte Herta Müller von ihren ersten Begegnungen mit dem rumänischen Geheimdeinst, der "Securitate", ihrer Verweigerung jeglicher Zusammenarbeit und dem umfassenden Dossier, das fortan über sie angelegt wurde. Mit einfachen Worten und doch ungeheuer präzise beschreibt sie dabei ihre Erlebnisse, reflektiert darüber hinaus immer wieder kritisch das Verhältnis zwischen Sprache und Wirklichkeit, Wort und Wahrheit. Weshalb schon ihr erster Erzählband "Niederungen" in Rumänien politisch instrumentalisiert und gegen sie gewendet wurde, ihr schließlich die Beschimpfung eintrug, Nestbeschmutzerin zu sein, berichtete Müller knapp, sachlich und doch sehr eindringlich.

Von einem Ausschnitt aus ihrem ersten Buch wechselte sie in die Gegenwart und las aus ihrem jüngsten Essayband "Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel", bevor sie schließlich aus dem Roman "Atemschaukel" las, der ihr vor zwei Jahren den Literaturnobelpreis eintrug und in dem sie sehr sensibel den Erfahrungen sowohl ihrer Mutter wie auch ihrem Freund und Kollegen Oskar Pastior in den Jahren der Deportation nachspürt. Ein kleines Mäusenest oder ein Batist-Taschentuch aus der Zarenzeit werden hier zu Dingen, deren "monströse Zartheit" in die Lagerwelt einbricht, als Gegenpunkte den Abstand zum bitteren, kargen Alltag im Lager deutlich erkennbar und spürbar machen.

(NGZ)