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Serie: Ich war einmal: Heiraten in der Alten Schmiede

Serie: Ich war einmal : Heiraten in der Alten Schmiede

Die Alte Schmiede liegt im Innenhof des Neusser Rathauses. Fast 80 Jahre lang wurden dort, in der Schmiede der Familie Schwab, Hufeisen hergestellt und angepasst. Heute können Paare sich in der Alten Schmiede trauen lassen – sie ist eins von drei Trauzimmern in der Quirinusstadt.

Dieser Ort ist ein Geschenk für Standesbeamtin Sandra Spahn: Die Alte Schmiede, eins von drei Trauzimmern in der Stadt, macht es ihr oft ein bisschen leichter, die Traurede für ein Paar vorzubereiten. Spahn deutet dann auf die Hufeisen, die noch aus früheren Zeiten an der Wand hängen, sie spricht darüber, dass die Eisen dem Glück bringen, der an ihre Wirkung glaubt. "Entweder man liebt es, hier zu heiraten – oder man hasst es", sagt Spahn. 26 Paare haben sich im vergangenen Jahr für eine Hochzeit in der Alten Schmiede entschieden – und den Neusser Ort mit Geschichte offenbar geliebt.

Die Alte Schmiede liegt im Innenhof des Neusser Rathauses. 80 Jahre lang wurden dort Pferde beschlagen, wurden Hufeinlagen oder Spezialeisen angefertigt. Als Hermann Schwab sich mit seiner Frau Johanna dort niederlässt, hat das 20. Jahrhundert gerade begonnen. Hinter Schwab liegen diverse Lehr, und Wanderjahre. Vor ihm liegt eine arbeitsreiche Zeit und ein Betrieb, in den auch seine Söhne Gustav und Wilhelm mit einsteigen.

Erst arbeitet er in der Schmiede "Kessel" an der Niederstraße, ab 1907 im Haus an der Michaelstraße 8. Seine Huf- und Wagenschmiede läuft gut, er kann bald zwei Gehilfen beschäftigen, sogar Lehrlinge ausbilden. Schwabs Sohn Gustav entscheidet sich irgendwann dafür, eine eigene Werkstatt in Norf aufzumachen. Wilhelm bleibt, darf sich ab 1934 auch Meister nennen. Im Zweiten Weltkreig wird das Haus an der Michaelstraße von einer Bombe getroffen. Der Anbau brennt aus – die Fachwerkschmiede bleibt unversehrt. Das Geschäft geht weiter.

Als es immer weniger Pferde in der Innenstadt gibt und immer mehr Autos, wird es schwerer für Wilhelm Schwab. Er verlegt sich darauf, die Reitställe in der Umgebung zu besuchen und dort zu arbeiten. 1983 stirbt der Hufschmiede-Meister. Seinen Besitz, die Alte Schmiede samt Inventar, kauft die Stadt Neuss. Fast jedoch wäre daraus nichts geworden: Erst kurz vor dem Versteigerungstermin kann das Inventar dank der Hilfe zweier Spender erstanden werden.

Heute heiraten nicht nur Paare in der Alten Schmiede und halten den anschließenden Sektempfang dort ab – die Alte Schmiede ist auch ein Feier-Ort für gemeinnützige Vereine: Schützenzüge tagen dort genauso wie kulturelle Vereine, auch Rathaus-Angestellte werden in den historischen Räumen verabschiedet oder bei Beförderungen beklatscht. Wilhelm Schwab hätte vor allem Ersteres gefallen: Der Neusser war dem Schützenfest mehr als ein halbes Jahrhundert lang treu, war Oberleutnant des Grenadierzuges "Rheinische Jungens".

Wer in der Alten Schmiede heiratet, schätzt die Gemütlichkeit, das Besondere, Nicht-Austauschbare des Ortes. An eine Trauung in der Alten Schmiede erinnert sich Sandra Spahn noch besonders. Das Paar hatte Strohballen mitgebracht, den Raum mit Blumen geschmückt. "Das war schon sehr schön", sagt die Standesbeamtin.

(NGZ/rai)