Heinrich Dorrenbach - ein Revolutionär aus Neuss

Vortrag in Neuss : Heinrich Dorrenbach – ein Neusser Revolutionär

Bedeutende Historiker wie Heinrich August Winkler haben den Neusser Heinrich Dorrenbach in den Blick genommen. In seiner Heimatstadt ist er jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten. Ein Vortrag widmete sich seinem Leben.

In der ehemaligen DDR waren Straßen, Schulen und sogar ein Schnellboot nach ihm benannt worden, aber in seiner Heimatstadt Neuss ist Heinrich Dorrenbach weitgehend in Vergessenheit geraten. Anlass genug für das Forum Archiv und Geschichte, ihn vorzustellen. Matthias Kordes, Leiter des Archivs in Recklinghausen, der 1980 sein Abitur am Neusser Quirinus-Ggymnasium gemacht hat, schloss jetzt diese Wissenslücke mit einem Vortrag.

Heinrich Dorrenbach wurde am 18. Februar 1888 in Neuss geboren – er starb mit nur 31 Jahren am 18. Mai 1919 in Berlin an den Folgen einer Schussverletzung. Man merkte Matthias Kordes an, dass er mit großem Interesse Informationen über Dorrenbach gesammelt hat: „Seine Geschichte könnte man verfilmen“, erklärte der 57-Jährige. Dorrenbach, der in der ehemaligen DDR Teil der Traditionspflege gewesen ist, kam in dem Vortrag als schwieriger Mensch rüber, als eine tragische Figur, die nie irgendwo so richtig angekommen war, als ein wurzelloser Abenteurer. Er sollte zudem mit zunehmendem Alter von der SPD immer mehr nach links abrücken.

Matthias Kordes hat sich mit Dorrenbachs Leben beschäftigt. Foto: Andreas Woitschützke

Zum ersten Mal eckte der Sohn eines selbstständigen Sattlers an, als er sich im Religionsunterricht kritisch äußerte. Das Problem: Dem Arbeitersohn war der Besuch des Gymnasiums durch die Katholische Kirche ermöglicht worden mit dem Hintergedanken, dass einmal ein Geistlicher aus ihm werden möge. Worauf Matthias Kordes hinwies: „Bedeutende Historiker wie Sebastian Haffner oder Heinrich August Winkler hatten den Neusser im Blick.“

Der blasse, große, hagere Junge nimmt, nachdem er das Gymnasium verlassen musste, eine Anstellung bei einem Anwalt in Düsseldorf an, arbeitet später bei einem Buchhändler und beim Verband der deutschen Textilveredler, wo er die Belegschaft zu politisieren versucht. Wegen einer Unterschlagung muss er eine Freiheitsstrafe verbüßen, anschließend verdient er sein Geld als Fabrikarbeiter – aber auch das nicht lange: 1914 zieht er in den Krieg, wird später unehrenhaft entlassen. Matthias Kordes widmete sich in seinem Vortrag ausgiebig der Volksmarinedivision, die von Matrosen in Berlin gegründet worden war und der sich Heinrich Dorrenbach anschloss und verbunden fühlte. Dieses Wachbatallion bestand zu zwei Dritteln aus Berliner Arbeitern, es war bis zu 3000 Mann stark und bewachte unter anderem Reichkanzlei, Reichsbank, preußisches Abgeordnetenhaus und den Reichstag selber. Dorrenbach wurde zunehmend politisch, war für die Abschaffung des Kadavergehorsams und des Stehenden Heeres. Die Position der Volksmarinedivision wird schwächer, Otto Wels als damaliger Stadtkommandant wirft ihr vor, das Schloss geplündert zu haben. Der Neusser Dorrenbach rastet im Berliner Schloss aus, unter seinem Kommando wird die Reichsregierung für kurze Zeit unter Arrest gestellt. Hintergrund der Aggression: Man enthält den Mitgliedern der Volksmarinedivision ihren Lohn vor. Eine schöne Bescherung: Am 24. Dezember 1918 ist Dorrenbach der Anführer beim Kampf um das Berliner Schloss – Zeitungen sollten von der „Berliner Blutweihnacht“ berichten. Sebastian Haffner spricht von einem Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Revolution. Die KPD gründet sich, Dorrenbach versucht zu entkommen, wird festgenommen und am 18. Mai 1919 vom Kriminalwachtmeister Ernst Tamschick erschossen – diese Tat sollte ungesühnt bleiben.

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