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Shakespeare Festival in Neuss: Hamlet in einer Plastikwelt

Shakespeare Festival in Neuss : Hamlet in einer Plastikwelt

Die bremer shakespeare company zeigte im Globe beim Shakespeare-Festival einen "Hamlet", der sich an der Video-Ästhetik orientiert. Die extrem bildlastige Inszenierung kann aber nicht auf voller Länge überzeugen.

Die Ausstattung sprengt fast die Bühne des Globe. Eine große milchige Plastikplane ist als Halbrund über die Bühne gespannt und hat gleich zwei Funktionen: Sie dient als verschwommene Projektionsfläche für die eingespielten oder live mit Handkamera gemachten Bilder der Aufführung und symbolisiert zudem eine abgeschottete Welt. Schloss Helsingör, der Hof von König Claudius und Königin Gertrude und die Heimat von Hamlet, ist ein künstlicher, kalter Raum, in dem Emotionen um so hör- und sichtbarer explodieren. Konsequent hat Regisseurin Nora Somaini in ihrer Bearbeitung des Dramas für die bremer shakespeare company am Text alles gestrichen, was nach außen weist. Es gibt keinen norwegischen Eroberer Fortinbras, keinen Ausflug Hamlets mit Schädel und Sinnieren an Ophelias Grab.

Dass der Kontrast zwischen menschlichen Gefühlsauswüchsen bis hin zum Mord und der Plastikwelt so gut funktioniert, hat vor allem mit dem Hauptdarsteller zu tun. Christian Bergmann, dessen mannhafte Statur sehr einfallsreich vom Muttersöhnchen-Outfit mit rotem Pullunder, weißem Hemd und Bügelfaltenhose gebrochen wird, ist ein Berserker-Hamlet. Auch wenn er erst mal aus den Latschen kippt, als er von der Hochzeit seiner Mutter mit Claudius, dem Bruder seines toten Vaters, hört. Dieser Hamlet aber darf, was allen anderen Figuren verwehrt wird. Er ist durch und durch ein Mensch, mit Emotionen von größter Wut über selbstmitleidigem Gegreine bis hin zur Kaltschnäuzigkeit. Er ist, was die anderen Figuren nur ausstellen. Ob Claudius, Gertrude, Laertes oder Polonius – sie alle lässt die Regisseurin abgehackt reden, kasernenhofmäßig brüllen und mit abgezirkelten Gesten agieren.

Das hat anfangs seinen Reiz, genauso wie die chorische Rezitation und die Verdreifachung der Figur des Geistes von Hamlets Vater. Der zieht zudem immer wieder seinen Kreis über die Bühne – sozusagen als Motor des Ganzen. Mit der Zeit aber nutzt sich die Wirkung ab, der Text (in der frechen und modernen Übersetzung von Jürgen Gosch und Angela Schanelec mit eigenen Eingebungen) wird zur Beilage degradiert. Immerhin bekommt Gertrudes Ausruf "Mehr Inhalt, weniger Kunst" auf Polonius' ausführliches Gerede im zweiten Akt dann doch eine nette Doppeldeutigkeit ...

Die extrem bildlastige Bearbeitung, die vor bedeutungsschwangeren Einfällen nur so strotzt, bedient sich ganz bewusst der Video-Ästhetik – allerdings auf Kosten des Stücks. Denn am Ende steht da kein Gesamt-Kunstwerk auf der Bühne, sondern nur ein Sammelsurium von Clips. Gut nur, dass Bergmann es immer wieder vermag, eine Klammer für die vielen Bilder zu sein, sonst hätten es vermutlich noch mehr Zuschauer denen nachgetan, die in der Pause das Globe schon verließen.

Sie verpassten indes den pragmatischen Zweck der Plastikfolie: Sie fiel und deckte den Boden ab, so dass die Bühne das Schlussduell von Hamlet und Laertes in Form eines Wetttauchens ( recht platte Metapher für den Untergang) trocken überstand. Auf das allgegenwärtige Symbol für Verletzung und Tod mochte Somaini dann aber doch nicht verzichten. Am Ende kreiste das gesamte Personal mit roter Farbe am Körper im fahlen Scheinwerferlicht. Als Geister, die keiner mehr ruft. Begeisterter Beifall.

(NGZ)