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Neuss: Gogols "Revisor" als temporeiche Groteske

Neuss : Gogols "Revisor" als temporeiche Groteske

Regisseurin Antje Thoms weist auch dem Publikum in ihrer Inszenierung der Komödie "Der Revisor" im Rheinischen Landestheater eine Rolle zu. Sie versetzt das Stück mit vielen schönen Anspielungen ins Neuss von heute.

So viel Unruhe ist selten zu Beginn eines Theaterstücks. Das übliche Ritual der Platzsuche wird von zudringlichen Menschen gestört, die einem auch noch ein Mikro unter die Nase halten. Ob man vielleicht einen Wunsch formulieren möchte an den Bürgermeister, der doch gleich eine Rede hält? Wie bitte? Wir sind doch im Theater, wollen die Premiere von Nikolai Gogols Stück "Der Revisor" sehen und nicht eine Rede des Bürgermeisters hören! Und warum, bitte schön, drückt einem ein Dr. Filip Filipowitsch Flyer zur "Neuen Germanischen Medizin, die GNM" in die Hand?

Gemach, würde Horst Schlämmer sagen. Der hätte noch gefehlt in diesem Durcheinander, aber seine Kollegen, die beiden Mitarbeiter der "hiesigen Presse" namens Bobtschinski und Dobtschinski, reichen auch. Wir sind nämlich schon mittendrin im Stück, noch bevor es überhaupt richtig angefangen hat.

Regisseurin Antje Thoms hat die fast 200 Jahre alte Komödie Gogols kräftig durchgeschüttelt, sie aus dem russischen Städtchen ins Neuss von heute geholt, ohne jedoch allzu eindeutig zu werden. Es gibt jede Menge Anspielungen auf Neusser Befindlichkeiten, aber nichts wirkt aufgesetzt oder platt, sondern fügt sich passgenau ins Original ein. Die Figuren behalten ihre Stücknamen, aber sind ganz und gar heutig, der Inhalt wird kongenial in sprechenden Bildern umgesetzt.

Immer noch geht es um eine Stadtelite, die vor allem zusieht, die eigenen Schäfchens ins Trockene zu bringen. Da hackt keiner dem anderen ein Auge aus, so lange er selbst seine Geschäfte macht. Die Ankündigung vom Besuch eines Revisors bringt alle ins Schwitzen. Ein fremder Besucher wird für eben diesen gehalten - und dieser Mann namens Chlestakow erkennt die Gunst der Stunde und nimmt jeden aus wie eine Weihnachtsgans.

So stolpert jeder über seine eigenen Sünden, und Thoms zimmert daraus eine Farce, die es in sich hat. Temporeich und mit vielen witzigen Einfällen auch ohne Scheu vor Klamauk, der aber immer wieder rechtzeitig gestutzt wird, bevor er nerven kann. Unzählige kleine Gesten wie der kurze misstrauische Blick ins Publikum bei der Frage, wer der Verräter sei, Running Gags wie die lustlos-görenhaft auftretende Bürgermeister-Tochter Mascha, Neu-Zeichnungen der Figuren wie bei Bobtschinski und Dobtschinski, die im Original noch Gutsbesitzer sind, und Erfindungen wie der tölpelhafte Fahnenschwenker machen aus dem Stück eine Groteske mit großer Wirkung. Der beherzte und sinnvoll straffende Zugriff von Thoms und ihrem Dramaturgen Reinar Ortmann auf Text und Personal, das wunderbar passende Bühnenbild mit Reminiszenz an den Stadthallen-Charme der 1960er Jahre von Katharina Meintke wäre jedoch alles nichts ohne die hervorragenden Schauspieler.

Allen voran Philipp Alfons Heitmann, der als Bürgermeister punktgenau die ganze Gefühlsskala von Louis-de-Funès-Gebaren bis zu abgrundtiefer, stiller Verzweiflung beherrscht. Henning Strübbes Chlestakow ist kein gerissener Schlawiner wie noch bei Gogol, sondern ein kleiner Sadist, der sich an den Ängsten der anderen weidet. Um diese beiden gruppieren sich die anderen herum. Rainer Scharenberg ist ein undurchsichtiger Kumpan Chlestakows, Michael Großschädl der nervöse und schwule Schulleiter. Pablo Guaneme Pinilla spielt den eingebildeten Krankenhauschef, der, um die eigene Haut zu retten, den Verrat nicht scheut, Andreas Spaniol einen unbedarften Richter, und das Duo Michael Meichßner als Bobtschinski und Georg Strohbach als Dobtschinski agiert eingespielt wie einst Stan Laurel und Oliver Hardy.

Für die beiden Frauen bleibt da nicht viel Raum. Aber dank des Gegensatzes, den Hergard Engert als überkandidelte Bürgermeister-Ehefrau und Linda Riebau als teflonbeschichtete Tochter in Thoms Inszenierung verkörpern, zeigen sie Präsenz. Großer Beifall. Zu Recht.

(NGZ)