1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss: Geschichten vom Rätselwesen Mensch

Neuss : Geschichten vom Rätselwesen Mensch

Die "Kleine Compagnie", die Theatergruppe der Jugendlichen der Alten Post unter Leitung von Regisseurin Jale Maria Gönenc, zeigt mit ihrem Stück "Brainbash" ein intensives Crossover aus Performance, Tanz und Schauspiel.

Eine Frau tötet ihren Sohn, indem sie ihm ein Radio in die Badewanne wirft. Ein Mann erstickt sein Baby unter einer Decke, und drei junge Männer schlagen gemeinsam einen Mann tot. Alles ohne erkennbaren Grund. Wie kommt es, dass ansonsten unauffällige Menschen plötzlich monströse Dinge tun? Ist unser Handeln wirklich das Ergebnis unserer Entscheidungen? Wer genau entscheidet da? Gibt womöglich unser Hirn die Entscheidungen vor? Seit der Hirnforschung zunehmend präzisere Methoden und Erkenntnisse zur Verfügung stehen, scheint nicht viel übrig zu bleiben von der Vorstellung eines freien Willens. Wie aber steht es dann um die Idee von Verantwortung und Schuld?

Es ist die älteste und doch immer wieder neue und nach wie vor ungeklärte Frage nach dem Menschen, die die "Kleine Compagnie" in ihrer neuen Produktion "Brainbash" in den Mittelpunkt stellt und zwar auf der Basis der neuesten Hirnforschung. In einem packenden Crossover aus Performance, Tanz und Schauspiel ziehen die Schüler der Alten Post unter der Regie von Jale Maria Gönenc die Zuschauer vom ersten Augenblick an in ihren Bann, denken nach, fragen und eröffnen hinter jeder Idee einen Horizont neuer Rätsel.

Rhythmisch, facettenreich und eindringlich erzählen sie auf der Bühne Geschichten vom Rätselwesen Mensch, zeigen Verzweifelte oder Gebundene, aus eigenem Impuls handelnd oder gelenkt, eloquent oder in babylonischer Sprachverwirrung, immer aber ratlos angesichts sich selbst und verbunden durch das allen gemeinsame Kainsmal.

Wer aber sind die Handelnden in diesen Geschichten von Schuld und Verzweiflung? Ist wirklich alles festgelegt im Gehirn, in dem Hirnforscher beinahe schon lesen können? Und wenn das Hirn der Schreibblock der Gedanken ist, wer ist der Schreiber? In kleinen Intermezzi zeigt die "Kleine Compagnie" Gespräche mit führenden Hirnforschern, etwa dem Niederländer Pim van Lommel und seiner auf der Basis von Nahtoderfahrungen gewonnenen These eines extrakorporalen Bewusstseins und mit seinem Gegenspieler Gerhard Roth, der den Menschen als biologisch determiniert sieht.

In Szenen von unerhörter Intensität und Präsenz zeigen Stephan Koch und Justus Kötting die Geschichte des Mordes an einem Homosexuellen, über den die Täter zwar minuziös berichten, den sie dennoch nicht erklären können, so wenig wie die weibliche Sohnesmörderin (gezeigt von Jale Maria Gönenc), der ein Fisch den Mund verschließt, und die ihren Schmerz zeigen, aber nicht beschreiben kann.

Eine leuchtend rote Flickendecke, wunderbar designed von Justus Kötting und zusammengefügt aus den sonderbarsten Fetzen und Mustern, wird zur Metapher unseres rat- und strukturlosen Selbstbildes. Und so gelingt es dieser meisterhaften kleinen Produktion, alltägliche Gewissheiten zu zerstreuen, den Vorhang scheinbarer Gewissheiten zu lüften und dahinter Fragen und vor allem das Staunen über das Rätsel Mensch zu wecken, das der Anfang aller Philosophie ist.

(NGZ)