Neuss: Geschichten hinter der Kunst

Neuss : Geschichten hinter der Kunst

Senta Connert ist eine Künstlerin, deren Arbeiten immer einen vielschichtigen gedanklichen Hintergrund haben. Im Foyer von Janssen-Cilag sind Arbeiten der Düsseldorferin rund um den Mythos Gehirn zu sehen.

Neuss Nichts, was sie macht geschieht ohne Hintergedanken. "A mon seul désir" zum Beispiel. Ein Gobelin, dessen erste Version die Künstlerin Senta Connert handgewebt hat und der dann als Multiple in einer Auflage von zwölf Stück in Jacquardtechnik gefertigt wurde, geht auf einen Roman von Rainer Maria Rilke zurück.

In "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" beschreibt die Titelfigur in einem fiktiven Tagebuch, wie sie in einem ebenfalls nur ausgedachten Brief die Geliebte ins Musée de Cluny führt und ihr dort den mittelalterlichen Gobelinzyklus "Die Dame mit dem Einhorn" zeigt.

Dieses Bemühen, etwas, das real nicht existiert, für sich sichtbar zu machen, spiegelt sich für Connert in dem Schriftzug des sechsten "Einhorn"-Gobelins: "A mon seul désir" - mein einziges Verlangen, einziger Wunsch. Dass diese Worte zudem ausgerechnet den sechsten Teppich ausmachen, assoziiert Senta Connert wiederum mit dem sechsten Sinn des Menschen, der das nicht Fassbare meint.

Die Arbeit ist bereits Anfang der 90er Jahre entstanden und gehört zu jenen, die eine Ausstellung im Foyer bei Janssen-Cilag präsentiert. Andrea Welb, die als Kunstwissenschaftlerin die Ausstellung für ihre Firma kuratiert, kennt die in Stuttgart geborene Künstlerin indes von einer anderen Seite: "Sie ist auch Kunsttherapeutin", erzählt Welb, "hat vor einigen Jahren bei uns eine Ausstellung mit Arbeiten von schwer kranken Menschen gezeigt".

Dass Connert nun nun selbst im Fokus einer Schau steht, hat auch damit zu tun, dass einige ihrer Arbeiten mit dem Aufgabenfeld von Janssen-Cilag korrespondieren. Die Meisterschülerin von Professor Fritz Schwegler an der Kunstakademie Düsseldorf hat sich vor allem Ende der 90er Jahre intensiv mit dem Mythos Gehirn beschäftigt. In ihren Bildern - meist Temperazeichnungen - macht sie aus der Metapher einen Gegenstand, etwa einen Rot- oder Blumenkohl ...

Grundsätzlich liegt der Beschäftigung mit dem Gehirn natürlich auch ein Konzept zugrunde: Es basiert auf Descartes' Theorie, das menschliche Gehirn sei wie ein Stück Stoff, in das das Denken Löcher stanze.

Als Tochter einer Schneiderin ohnehin mit einem starken Bezug zu textilen Arbeitsweise aufgewachsen, macht die 50-Jährige diese auch immer wieder zum Thema ihrer Kunst und verknüpft Konzepte und textile Strukturen - eben zu besagtem Gobelin, aber auch Temperaarbeit auf Aquarellpapier wie "Flechsig VII". Ausgangspunkt ist auch dabei das Gehirn als solches. Es bekommt seine Form jedoch durch übereinander und fast aus der Fassung quellende farbige Wollstränge. Die Gedanken möchten eben gerne frei sein ...

Dieses Werk ebenso wie "Flechsig VIII" basiert jedoch auch auf Connerst Beschäftigung mit einer ganz realen Figur. Der Titel greift auf den Psychiater Paul Emil Flechsig (1847 bis 1929) zurück, der als Vater der Neuroanatomie gilt und dessen bekanntester Patient Daniel Paul Schreber war.

Dessen Vater wiederum, der Arzt und Volkspädagoge Daniel Gottlob Moritz Schreber, hatte an seinem Sohn allerhand Gerätschaften zum Geraderichten der Menschheit ausprobiert und damit seinen Sohn nervenkrank gemacht.

Ihnen beiden hatte Connert gemeinsam mit Christian A. Müller das Kunstprojekt "Schreber Museum - Abendroth und Athemnot" gewidmet, das in Neuss von Markus Ambach in seinem "Wildlife"-Projekt im Garten des Atelierhauses Further Straße gezeigt worden war.

(NGZ)
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