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Neuss: Georg Schramms bitterböses Kabarett

Neuss : Georg Schramms bitterböses Kabarett

Der 62-Jährige bewies erneut im Landestheater, dass er zu den großen Künstlern des politischen Kabaretts gehört.

Es gibt es noch — das klassische, tiefgehende und bitterböse politische Kabarett, das kritisiert, entlarvt und somit auch aufklärt. Einer der größten Vertreter dieser Form des Kabaretts ist zweifelsohne Georg Schramm. Mit seinem Programm "Meister Yodas Ende — Über die Zweckentfremdung der Demenz" war er im RLT beim Kabarett 20.30 zu Gast.

Dabei ließ Schramm es zunächst recht harmlos angehen und kalauerte das Publikum in der Rolle eines SPD-nahen Kleingärtners in Stimmung. Etwa, weil er in der Nacht heimlich die Urne seiner Frau ausgräbt, um sie an ihrem Lieblingsplatz in der Schrebergartenanlage zur letzten Ruhe zu betten. Nach weiteren, noch recht harmlosen Anekdoten in tiefstem Hessisch eröffnete er dann in allerschönstem Amtsdeutsch in einer weiteren Rolle die Vereinssitzung der Selbsthilfegruppe "Altern heißt nicht trauern". Und erläuterte dem Publikum oberlehrerhaft, was es mit dem von Frank Schirrmacher irrtümlich angekündigten "Krieg der Generationen" auf sich hat, der ja eigentlich ein Krieg "Arm gegen Reich" sei.

Da nun begann der wirklich politische Teil des Kabaretts, und in seiner Rolle des alles erklärenden Vorsitzenden ließ Schramm keine Gelegenheit aus, dem Publikum mangelnde Bildung, Desinteresse oder auch beides zu unterstellen. So erläuterte er die zwei wichtigsten Methoden von Politikern, die dazu dienten, das Volk dumm zu halten: Lügen durch Weglassen entscheidender Informationen oder Formulierungen, die dazu führen, dass keiner mehr Lust habe, zuzuhören. "Letzteres funktioniert bei Ihnen sehr gut", sagte Schramm dem Neusser Publikum. "Wenn Sie also einen solchen Satz verstehen, dann hat er seinen Zweck verfehlt."

Kompliziert formulieren — das kann auch Schramms Figur Oberstleutnant Sanftleben sehr gut. Dieser verlor sich bei den Erläuterungen zu Sinn und Unsinn der Auslandseinsätze der Bundeswehr in technokratischen Begriffen wie "sinnvoller Fremdblutfluß" und stellte somit schonungslos den emotionslosen, berechnenden Umgang von Politik und Militär mit dem Leben anderer Völker bloß.

Ein weiteres Lieblingsziel waren immer wieder auch der Finanzsektor im Allgemeinen und Spekulanten im Besonderen. Deren Macht demonstrierte er am Beispiel Berlusconi: "Es gab 35 erfolglose Versuche des Parlamentes, ihn aus dem Amt zu heben. Drei Rating-Agenturen haben das in nur fünf Tagen geschafft." Für den künftigen Umgang mit Berlusconi empfahl Schramm ein Zitat von Papst Gregor der Große: "Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht." Und er zitierte einen Beschluss der holländischen Regierung aus dem Mittelalter, als Spekulanten wollten, dass die Steuerzahler für ihre Verluste aufkommen: "Für Spielsucht ist ein Arzt verantwortlich, nicht aber der Staat." Nicht nur da zeigt Schramms Kabarett eine schonungslose, lautstark und wortgewandt vorgetragene Gesellschaftskritik.

(NGZ/ac)