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Neuss: Geissler zeichnet "Galgenlieder"

Neuss : Geissler zeichnet "Galgenlieder"

Der Neusser Künstler Rolf Geissler hat 22 von Christian Morgensterns "Galgenliedern" in Federzeichnungen interpretiert. Er zeigt die neuen Arbeiten in einer zweitägigen Ausstellung in seinem Atelier.

Im Grund genommen ist es verwunderlich, dass er nicht schon auf diese Idee gekommen ist. Der Künstler Rolf Geissler und die "Galgenlieder" von Christian Morgenstern — das passt so gut zusammen, dass nicht einmal die Vorstellung, die beiden könnten zu Lebzeiten des Dichters (1871—1914) einander auch beflügelnde Freunde gewesen sein, fremd erscheint.

Morgensterns komische, oft abstruse Dichtung entspricht der Haltung des Neusser Grafikers, die aus fast jeder seiner Arbeit spricht: dieser genaue und humorvolle Blick auf die Welt im ihn herum, diese schonungslos-sarkastisch gezeichnete Analyse menschlicher Befindlichkeiten, die gleichermaßen von philosophischer Abgeklärtheit und persönlicher Aufgeregtheit spricht. Was Geissler mit Stift oder Feder erschafft, entsteht bei Morgenstern durch das Wort.

Also ist es nur folgerichtig, dass auch Morgensterns "Galgenlieder" in Geissler etwas zum Klingen bringen, das aufs Blatt fließt. 22 von diesen Gedichten hat er auf kongeniale Weise in Bilder gefasst. In Federzeichnungen und jede ein Original, typische Geisslers eben, denen man den Spaß ansieht, mit dem Geissler beim Zeichnen der von ihm so geschätzten "Doppeldeutigkeit in den Worten" Morgensterns nachspürt.

Dessen Gedicht "Der Werwolf" (den er durchdekliniert: "des Weswolfs, Genitiv sodann, dem Wemwolf, Dativ, wie man's nennt") und der längst Eingang in die Schulbücher gefunden hat, hat den Ausschlag gegeben. Und natürlich kann Geissler ihn aus dem Stand auch rezitieren. Aber warum gibt es die gezeichneten "Galgenlieder" erst jetzt? "Natürlich kenne ich sie schon ewig", ist die Antwort, "aber im Urlaub habe ich sie jetzt wieder alle gelesen."

Die Entscheidung, wie der Text sein Bild bekommt, hat er jedes Mal aus dem Bauch heraus getroffen, sagt Geissler. Und so sehen "Die beiden Esel" zwar recht finster aus, aber hocken auch friedlich wie weiland Philemon und Baucis — das liebende Paar schlechthin — beieinander. In anderen Zeichnungen verstecken sich Zitate aus Bildern von da Vinci, oder Geissler hat Morgenstern "übersetzt und verbessert" — etwa dessen nur aus Zeichen bestehendes Gedicht "Fisches Nachtgesang" in zig Sprachen.

Und wieder andere hat der Neusser Grafiker ergänzt um sehr persönliche Interpretationen und wahrt dabei doch den Morgenstern'schen Sinn. So illustriert er das "Windgespräch" ("Hast nie die Welt gesehn? Hammerfest — Wien — Athen?" / "Nein, ich kenne nur dies Tal, bin nur so ein Lokalwind — kennst du Kuntzens Tanzsaal?"/ "Nein, Kind. Servus! muss davon! Köln — Paris — Lissabon.") mit dem Neusser Münster und einer Schützenfigur ...

(NGZ/rl)