1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss: Further Bluttat: Verfahren "vorläufig eingestellt"

Neuss : Further Bluttat: Verfahren "vorläufig eingestellt"

Die Ermittler schließen den Fall ab. Sie sind überzeugt, dass Fallah Sänger vor einem Jahr Frau und Kinder erschoss. Aber er ist flüchtig.

Kurt wird morgen wie jeden Tag zur Arbeit in die Gärtnerei gehen. Dabei ist der 20. August für ihn kein Tag wie jeder andere. Vor einem Jahr wurden seine Tochter und seine beiden Enkel erschossen — vom eigenen Mann und Vater. "Mutter und zwei Kinder getötet" titelte damals die NGZ. "Vielleicht verdrängt die körperliche Arbeit die Bilder in meinem Kopf", hofft der 70-Jährige, aber wenn er ehrlich in seine Gedankenwelt blicken lässt, dann sagt er auch Sätze wie diesen: "Es wird nicht besser. Es wird jeden Tag schlimmer." Die Zeit heilt in diesem Fall keine Wunden. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als dass der Täter, sein Schwiegersohn, vor Gericht gestellt und bestraft wird. Doch ein Verfahren scheint in absehbarer Zeit unwahrscheinlich.

 Am 20. August 2012 verlor Kurt seine Tochter und zwei Enkel.
Am 20. August 2012 verlor Kurt seine Tochter und zwei Enkel. Foto: Woi/Berns

Dabei ist der Fall aus Sicht der Ermittler geklärt. "Wenn ich mich hinsetze, dann ist die Anklageschrift in zwei Wochen fertig", sagt Staatsanwalt Christoph Kumpa. Dennoch wurde das Verfahren vorläufig eingestellt. Grund: Der mutmaßliche Täter Fallah Sänger (36) ist flüchtig. Aufenthaltsort unbekannt. Vermutlich lebt er in seiner Heimatstadt Kirkuk, im kurdischen Norden des Irak. Zeugen wollten ihn vor zwei Monaten in einem Hotel erkannt haben. Kumpa bat über die deutsche Botschaft in Bagdad die irakischen Behörden um Prüfung. Er wartet bis heute auf eine Antwort.

  • Fotos : Mord in Neuss: Experten untersuchen Tatwaffe
  • Fotos : 2012: Drei Morde schocken Neuss
  • Neuss : DNA in Waffe überführt Dreifachmörder

Der Tod der 26 Jahre alten Saskia und ihrer beiden Kinder Samara (8) und Ismael (4) bewegte vor Jahresfrist die Neusser; mehr als 400 Menschen nahmen an einem Trauerzug teil. Als Täter war schnell der Familienvater Fallah identifiziert. Immer wieder war es seit 2010 nach Aussage der Polizei in der Wohnung an der Kaarster Straße zu Fällen von häuslicher Gewalt gekommen. Der aus dem Irak stammende Ehemann sei von einer "chronischen Eifersucht" erfasst gewesen, berichtet sein Schwiegervater Kurt. Am Ende des Familiendramas waren Saskia und ihre Kinder tot. Erschossen am Abend des 20. August 2012 in der eigenen Wohnung. Der Täter floh noch am selben Tag per Flugzeug via Türkei in den Mittleren Osten. Die Fahndung blieb erfolglos.

Die Ermittlungen sind längst abgeschlossen. Nach Sichtung der Zeugenaussagen, Indizien und Beweise kommt die Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis, dass Fallah Sänger der Mann ist, den sie als Täter sucht. Ob er aber jemals vor einem deutschen Gericht stehen wird, ist zweifelhaft. Selbst wenn er im Irak entdeckt wird, haben die deutschen Behörden noch lange keinen Zugriff auf ihn. Christoph Kumpa nennt zwei Gründe: Erstens gibt es kein Auslieferungsabkommen zwischen Deutschland und dem Irak. Zweitens liefert der Irak seine Staatsangehörigen nicht aus und Kumpa geht davon aus, dass Fallah Sänger auch irakische Papiere besitzt. Die deutschen Behörden sind zur Tatenlosigkeit verurteilt.

Eine Situation, die Kurt "verrückt macht". Der alte Herr lebt weiterhin im Rhein-Kreis, arbeitet weiterhin in einer Gärtnerei. Eigentlich soll ihn die Arbeit ablenken, doch die schrecklichen Bilder holen ihn ein. Kürzlich sollte er eine Hecke an der Clarenbach-Schule pflegen. Dort war Samara zur Schule gegangen ...

Kurt arbeitet aber auch, weil er Geld benötigt. Geld, um einen Kredit abzubezahlen, den seine Tochter und ihr Mann aufgenommen hatten. Vater Kurt hatte gebürgt. Sein Schwiegersohn ist flüchtig und Kurt muss zahlen. Aber er spart auch Geld, um den Grabstein zu bezahlen. Seine drei Lieben liegen in Berlin-Treptow begraben. Ende August will er wieder zum Grab reisen.

(NGZ)